Kolumne – M.-A. Bauér
Als Mitarbeiter von MSa in Brasilien habe ich ein paar Hürden mehr zu bewältigen als meine Kollegen in der Schweiz. Sie glauben’s nicht? Dann lesen Sie weiter…
Bei der letzten Dschungel-Nummer im brasilianischen Urwald ist mein Notebook-Laufwerk verreckt. Das war vor ungefähr zwei Wochen, zeitnah zum WTTC-Rennen in Curitiba. Ich habe deshalb mehr als zehn Tage lang alle meine Storys aus irgendwelchen Internet-Cafés an MSa online rausgebeamt. Ich war damals im tiefen Süden, musste einige bürokratische Dinge an meinem früheren Wohnort erledigen.
Vor rund zehn Tagen war ich den ganzen Tag mit dem Auto auf der Heimfahrt (1600 km, zum Teil miese Strassen). Am Freitag (7. März) war ich zurück in São Paulo, um mehrere Läden aufzusuchen in Sachen Notebook-Kauf.
Unser Chef GW hat gemeint, ich solle den geschätzten Usern von MSa online einmal die mühsamen Details eines Notebook-Kaufs in Brasilien schildern.
Also gut. Eine Durchforstung sämtlicher Computerläden in São Paulo hat ein eher tristes Bild ergeben. Im Moment gibt es einen wahren Boom an preiswerten Notebooks (um US$ 1000 bis 1200), das sind aber alles Billigprodukte mit lahmen Celeron-Prozessoren (nicht einmal 1 Giga), schwacher Memory (256 KB), dazu fehlt es an Andockmöglichkeiten für externe Karten und USB-gesteuerten Extras. Und wie lange die Batterie eines solchen «VW Käfers unter den Notebooks» lebt, möchte ich eigentlich lieber nicht herausfinden...
Deutlich besser ausgestattete Notebooks gibt es natürlich auch. Doch die werden in kleinen Mengen importiert und sind dank der absurden Importzölle doppelt so teuer wie in Japan, USA oder Europa!
Ein weiteres Manko ist Microsoft Brasilien. Hier sind nur die minderen Software-Versionen zu kriegen, und selbst die verursachen enorme Probleme. Dazu kommen die lächerlichen Garantiebedingungen: nur über die Brasilien-Niederlassung des Herstellers, kein Ersatz, keine globale Gewährleistung. Und für diesen Schmarrn muss man auch noch die Installation der Programme bezahlen, da Microsoft bis heute keine Erstausrüster-Deals abgeschlossen hat!!!
Bislang habe ich Artikel zuhause in Brasilien auf meinem sehr gut bestückten PC geschrieben, für Internet/E-Mail habe ich, da ich hier auf dem Land lebe, das Notebook und meine GSM-Modem-Steckkarte benutzt. Als das Notebook hopps ging, hatte ich zwar einen PC, aber keinen Internet-Zugang mehr. Ein Zwischengerät, um die Notebook-Steckkarte mit dem PC zu benutzen, hat nie so richtig funktioniert. Und mal wieder weiss keiner in diesem Land, warum solche simplen Sachen einfach nicht zum Laufen zu bringen sind.
Ich habe mich nun für eine Weile bei meiner Freundin angesiedelt. Neben anderen, nicht ausser Acht zu lassenden Annehmlichkeiten habe ich hier meinen eigenen PC aufgestellt, ich geniesse eine gute Internet-Verbindung und, sollte auch da was schiefgehen, noch Ausweichmöglichkeiten. Die Gegend hier ist weniger abgelegen.
Unter dieser Voraussetzung werde ich wohl in der Lage sein, sinnvoll für MSa online zu arbeiten. Die Probleme mit dem CMS sind geklärt (es fehlte wohl Firebug innerhalb von Firefox), nun muss ich mich noch in das Thema Bildquellen hineinknien.
Zusammenfassend in Sachen Notebook: Momentan komme ich gut ohne aus. Ich halte es für klug, demnächst in den USA ein Notebook zu kaufen (besser, billiger, globale Garantie, Software inbegriffen, alles neuester Stand) oder eben beim nächsten Besuch in Deutschland oder in der Schweiz (Vorteil: deutsche Software).
Wenn ich in Gesprächen gegenüber befreundeten Mitteleuropäern erwähne, dass ich in Brasilien lebe, läuft in deren Köpfen meist folgender Film ab: Der Scheisskerl hängt im Liegestuhl am Strand oder Pool ab, lebt das ganze Jahr bei tropischen Temperaturen, geile Tanga-Weiber rundum, Caipirinhas fast zum Nulltarif und bis zum Abwinken (oder Abkotzen), verdient in Euro/Dollar und lebt für Trinkgeld wie ein Fürst.
Hm, naja, das eine oder andere stimmt sogar, aber wir hatten Regenfälle wie noch nie (zugegeben, der Regen ist ein bissl wärmer als in Europa); ein gescheiter Wein oder ein schmackhafter Schampus/Whisky/Cognac kostet soviel wie ein kleines Motorrad, der Umrechnungskurs hat sich in fünf Jahren fast um 100 Prozent verschlechtert. Und: Wir zahlen den höchsten Steuersatz auf diesem Planeten. Wofür? Damit wir an der nächsten Strassenecke entweder überfallen werden oder in die Fänge eines Verkehrspolizisten geraten. Kommt übrigens auf dasselbe heraus.
Anyway, die folgende Anekdote illustriert ein wenig, wie das Leben in einem Dritte-Welt-Land WIRKLICH vor sich geht.
Es war letzten Sonntag etwa 4 Uhr früh, ich war gerade dabei, die letzten Zeilen des Rennberichts vom F1-GP in Melbourne herunterzutippen, als ich unvermittelt im Dunkeln sass. Stockfinster! Kein Strom! «Das darf doch nicht wahr sein», fluchte ich sofort, denn mir schoss natürlich durch den Kopf, dass es sich mal wieder um einen dieser bundesweiten Stromausfälle handeln könnte. Die können fünf Minuten dauern – oder fünf Stunden! «Nein, nein, neeeiiiin, nicht JETZT!!!» Vor meinem geistigen Auge verarbeitete mich GW bereits zu Sushi (bin Sternzeichen Fisch), mein sechsstelliges Honorar (reichlich Kommastellen) stand in allergrösster Gefahr.
Dann setzt der nackte Überlebensdrang ein. Du suchst im tiefdunklen Dschungel den Sicherungskasten auf, ungeachtet dessen, dass du die Klapperschlange beim Nickerchen stören könntest, und findest – tatsächlich – den Hauptschalter im «OFF». Da will der auch unbedingt bleiben. Nix zu machen. Zurück ins Haus, kalter Angstschweiss läuft mir beim Gedanken herunter, der Kurzschluss könnte vom (festinstallierten) Netzteil des PCs ausgehen. Wäre nicht unbedingt ein Novum. Also alle Verbraucher aus den Steckdosen, Schalter umgelegt, Licht wieder da und... der Compi springt mühelos an. Der brilliante Erguss meines Hirnschmalzes ist zwar weg, verschwunden im digitalen Nirwana, aber was soll's – yippiee! Am Ende werde ich guten Gewissens eine Honorarrechnung (30 Tage Zahlungsziel) schreiben dürfen...
Als ich dann mitten in der Textübertragung bin, geht dasselbe Theater von vorn los. Doch kennen wir wenigstens die Ursache: Meine Freundin machte einen zweiten Versuch, mit der Ferrari-roten Kaffeemaschine für ihren Lieblingsautor einen überlebenswichtigen Cappuccino zu zaubern. Dabei brach wieder die Stromversorgung zusammen.
Ich hätte dieses Omen nach dem Ferrari-Debakel in Down Under eigentlich gleich korrekt interpretieren können. Heute werden wir uns nach einem silber-farbenen oder wenigstens weissen Exemplar umschauen...
Na, frage ich GW: Möchtet ihr die Redaktion noch immer hierher verlegen? Oder soll ich nicht doch lieber in die Schweiz umziehen?
Grüssli an alle «Erste-Welt-Verwöhnten!»
Mario
Mario-Alberto Bauér (48) ist Brasilianer mit deutschen Wurzeln, er spricht Deutsch und Englisch so perfekt wie Portugiesisch. Bauér zählt zu den renommiertesten Berichterstattern der Autorennszene und ist seit Beginn der 90er-Jahre als Autor für MOTORSPORT aktuell tätig. 2000 begann Bauer eine Tätigkeit als Chefredakteur von www.Formula1.com, als diese Homepage noch mehrsprachig war. Ecclestones FOM hat diese Online-Plattform aufgekauft. Seither betreut Bauér neben seiner Aufgabe als MSa-Autor vor allem mehrsprachige Projekte für Industrie und Medien. Bauérs grösste Jugendsünde: 1981 gewann er als erster Brasilianer der Weltgeschichte die deutsche Formel Ford Meisterschaft.