Interview Timo Scheider
Timo Scheider über seine Titelchancen in der DTM
Von Gregor Messer
Timo Scheider (31), DTM-Champion der vergangenen beiden Jahre, zählt auch 2010 zu den konstantesten Fahrern. Er fuhr bei bislang allen fünf Rennen in die Punkte, aber kein einziges Mal auf das Podium. Im aktuellen Heft von MOTORSPORT aktuell analysiert er seine Saison, auch die Probleme und eine mögliche Rückkehr von Opel in die DTM. In diesem Online-Teil des Interviews spricht der Audi-Werksfahrer über mögliche Titelchancen, Teamplayer sein, verpasste Formel-1-Chancen und sein Charity-Kartevent Race for Kids.
Du liegst auf Tabellenplatz 6 mit 25 Punkten Rückstand auf Spitzenreiter Bruno Spengler. Ist der Meisterschaftszug abgefahren?
Bis es theoretisch nicht mehr möglich ist, probiere ich natürlich auf jeden Fall den Titel zu holen. Ich weiß, wie hart es in der Meisterschaft ist. Aber man muss Realist bleiben. Unter normalen Umständen wird man jetzt nicht mehr so einfach Meister. Ich werde es trotzdem probieren. Es gibt noch 60 Punkte zu holen. Auch andere haben mal weniger Glück. Und vielleicht wendet sich das Blatt mal wieder.
DTM ist geprägt von hohem Mannschaftsgeist, fast wie zwei Fussball-Mannschaften. Ist das eher eine Stärke oder Schwäche in einer Sportart, die eigentlich von jedem den egoistischen Einzelkämpfer verlangt?
Bei den Fahrerfeldern wie sie Audi und Mercedes haben, sieht man als Rennfahrer den Job natürlich immer in gewisser Weise als Einzelkämpfer-Sport. Aber es wäre dumm und fatal zu sagen, man sei kein Teamplayer. In einer derart hart umkämpften Meisterschaft wie der DTM muss man sich immer bewusst sein, dass man seine Teamkollegen ein Stück weit für den Gesamterfolg der Marke braucht. Im Leben ist es immer ein Nehmen und Geben. Ich glaube, dass das bei Audi extrem gut verstanden wird. Es kämpft jeder bis auf Messers Schneide um seinen persönlichen Erfolg. Aber jeder ist sich über die Möglichkeiten bewusst, die sich bei Audi bieten. Solange dies so ist, wird der Teamspirit gross geschrieben bleiben. Das beginnt mit dem einwöchigen Teambuilding, dem Trainingslager auf der Sonnenalp, wo wir uns näher kennen- und schätzen lernen, um vielleicht auch Emotionen beim Rennen besser deuten zu können. Ich muss sagen, da hat Audi einen Weg eingeschlagen, der so intensiv ist, wie mir das noch nie bekannt war. Dies hat einen positiven Effekt für das Miteinander.
Dieses Für-den-Anderen-fahren , dieses verzichten müssen, hat nicht unbedingt der DTM Reputation gebracht. Glaubst du, die Situation ist mit weiteren Herstellern eine bessere?
Ich freue mich auf jeden Hersteller der in die DTM käme, egal wie er heißt. Dies würde der DTM auf jeden Fall gut tun, weil dann nicht mehr jeder zweite, dritte dein Teamkollege ist, mit dem du kämpfst auf der Strecke. Aber man muss sich klar sein, dass trotzdem jeder Rennfahrer soviel Ehrgeiz hat, dass er das bestmögliche Ergebnis einfährt. Freiwillig schenkt keiner etwas her. Fakt ist aber auch, und das zeigt derzeit wieder die Formel 1: Das Thema Stallregie wird die Rennleitung nie zu einhundert Prozent unter Kontrolle bekommen. Die Meinungen hierzu gehen völlig auseinander. Die einen sagen: Das ist Beschiss und Betrug. Andere fordern das Stallregie-Verbot komplett weg zu lassen, weil man es sowieso nicht kontrollieren kann. Aber es ist auch klar: bis zu einem gewissen Punkt kämpft man gegen andere aus dem Team, die vielleicht einen besseren Job gemacht haben. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man erkennen muss: okay, ich habe die Leistung nicht abrufen können, da mache ich mal lieber dem schnelleren Teamkollegen Platz. Da muss man sich Gedanken machen, ob man lieber der Egoist sein will oder sich dem Team verpflichtet fühlt.
Das Glück lässt sich nicht zwingen. Aber du legst vor dem Einsteigen beide Hände ans Auto, redest mit ihm. Ist das Aberglaube oder eher so eine Art energetischer Rückfluss?
Ich versuche mit der Materie Verbindung aufzunehmen. Es ist auf jeden Fall ein gutes Gefühl, wenn ich mit meinem Auto sprechen kann. Wenn ich meinem Auto durch meinen Gedankenfluss mitteilen kann, was ich als Aufgabe für uns beide sehe. Das gibt mir auch innere Zufriedenheit und Selbstsicherheit. Es gibt viele, die gesagt haben: Der Scheider hat ja einen Vollschaden. Aber am Ende ist es der Sportler selbst, der seinen Weg finden muss. Mein Weg ist die Meditation, mit der ich viel Erfolg habe. Deshalb halte ich an den Punkten fest, die mir gut tun.
Jahrelang hattest du auf die Formel 1 gehofft, auch wenn es nur eine Testfahrt war, die nie stattfand. Wann war der Zug für dich endgültig abgefahren?
Nach meinem Sieg mit Ferrari bei den 24 Stunden von Spa 2005 habe ich von Ferrari noch ein mal eine Testfahrt versprochen bekommen. Das hat aber wieder nicht geklappt, wieso auch immer. Ich hatte nie die nötigen Kontakte, um nachzuhaken. Dann war das Thema auch für mich irgendwann abgehakt. Mir war klar, als Deutscher war ich bald zu alt. Aber der Traum, ein technisch derart hoch gezüchtetes Auto zu bewegen, der ist immer noch da. Und wer weiß, vielleicht komme ich ja noch einmal durch irgendeinen Zufall dazu. Aber Hätte, Wenn und Aber gibt es nicht, jetzt bin ich bei Audi, und ich fühle mich sauwohl. In einem Formel-1-Fahrerlager würde ich mich nicht so wohl fühlen, da herrscht eine ganz eigenartige politische Stimmung, während in der DTM alles freundlich und offen ist. Aber meine Zukunft sehe ich lange, lange bei Audi.
Wie wichtig ist dir die von dir mitgetragene Veranstaltung Race for Kids?
Der Gedanke, Gutes zu tun, hat sich in den vergangenen Jahren extrem ausgeweitet. Ich habe unheimlich viele Emotionen und schöne Momente bei Familien und Kindern erleben dürfen, die Hilfe nötig haben. Sei es ein Lächeln in die Gesichter zu zaubern, sei es nur durch meine pure Anwesenheit bis hin zur finanziellen Unterstützung für die Eltern, einen Rollstuhl, eine Delfin-Therapie, eine Husky-Schlittentour oder gar der Umbau eines Hauses oder, oder, oder. Wir versuchen da alles, auf allen Ebenen, um verschiedenen Kindern zu helfen.
Ich habe festgestellt: Das Thema Hilfe für benachteiligte Familien und Kinder erdet unheimlich. Weil es einem die Augen öffnet und man sich sagen muss: Verdammt noch mal, wie gut geht es uns doch. Wir leben hier in unserer Welt auf einem extrem hohen Niveau, das viel zu oft auch Show und Schein ist. Wenn man dann bedürftigen Familien etwas Gutes tun kann, das gibt einem so unheimlich viel Kraft und Energie.
Wir haben da den Fall einer jungen Mutter, deren Kind schläft jede Nacht nur 30 Minuten. Nacht für Nacht. Und wenn man sieht, welche Power und positive Ausstrahlung die Eltern in dieser Situation dennoch haben, da muss man den Hut ziehen, da muss man sich sagen, das, was ich an Problemen glaube zu haben, ist nicht mal ansatzweise das, was diese Menschen zu bewältigen haben. Das sind Sachen, die pushen mich unheimlich. Die holen mich wieder auf den Boden. Die lassen mich auch durch den Wald laufen und mich die kleinen Dinge schätzen: Schau mal, was für eine schöne Blume, zum Beispiel.
Zum Beispiel Amelie, ein dreijähriges Mädchen, das schon x-mal Chemotherapie bekommen hatte. Sie hatte einen Tumor, den man nicht entfernen wollte, weil die Überlebenschance nur 20 Prozent betrug. Dennoch hatten sich die Eltern zur Operation entschieden. Da war meinerseits eine emotionale Angst mit dabei, weil wir das Kind finanziell unterstützt hatten. Die vergangene Woche hatten wir Tag für Tag Telefonate geführt. Amelie ist jetzt operiert worden, elf Stunden lang. Der Tumor ist entfernt, bei der Operation musste die Aorta abgeklemmt werden, was es schwierig machte, all die Organe wieder zum Laufen zu bringen. Die kleine Maus kämpft wie verrückt. Im Moment scheint alles wieder gut zu werden für ein normales Leben. Wenn das funktioniert – das lässt sich mit keinem Sieg in der DTM aufwiegen. Auch wenn ich da nur indirekt dran beteiligt bin. Aber ich bin ein sehr emotionaler Mensch, den solche Dinge sehr bewegen.








