Der erfolgreichste Rennfahrer der Gegenwart ab 2011 bei einem italienischen Hersteller, der von den Japanern gefürchtet wird und von der eigenen Leidenschaft ebenso getrieben wird wie von der Begeisterung seiner Fans. Wenn alles gut läuft, wird eine Vision wahr, die in Italien eine überschwängliche Emotionswelle und ein neues GP-Fieber auslöst.
Doch extrem bissig werden sie sein, wenn der Erfolg ausbleibt. Deswegen formulierte Ducati- Boss Gabriele Del Torchio die Zielsetzung für 2011 sehr vorsichtig: «Wir hoffen, dass wir 2012 um den Titel mitfahren können, 2011 ist dies utopisch.» Doch Ducati ist schon dieses Jahr mit Casey Stoner in der Hoffnung auf den Titel in den WM-Kampf gezogen, und bei ihrer neuen Investition werden sie intern die Ziele sicher nicht niedriger ansetzen. Die Realität hat aber eine ganze Menge Probleme in den Weg gestellt.
Der Druck der Öffentlichkeit
Von nun an werden sich alle Augen auf die Vorbereitung von Rossi und Ducati richten. Jeder noch so ahnungslose Schreiberling und Internet- Fan wird ständig neue Gerüchte und Forderungen in Umlauf bringen, von denen jede Einzelne wie eine Lawine auf die noch neue Verbindung niederprasseln wird. Doch Ducati ist als italienisches Team solche Machenschaften gewohnt und kann mit ihnen umgehen. Als Casey Stoner im Vorjahr nach einer Schwächeperiode eine Zwangspause einlegte, gingen auch die wildesten Gerüchte und Anschuldigungen umher. Sie prallten am Team ab, und die Roten straften alle Zweifler mit der triumphalen Rückkehr ihres Nummer- eins-Fahrers. Valentino Rossi ist nicht nur ein Liebling der Medien und der Fans, sondern er kann auch virtuos mit ihnen umgehen. Trotzdem steht er hiervor einerganz neuen Situation. Ducati, aber auch Hauptsponsor Marlboro verlangte von seinen Fahrern bisher mehr öffentliche Auftritte, als es bei jedem anderen GP Team üblich ist. Eigentlich müsste Rossi bei seiner Popularität noch mehr herangezogen werden als die bisherigen Ducati- Piloten. Doch auch hier hat man sich im Interesse des Erfolgs schon im Vorfeld auf ein erträgliches Mass geeinigt.
Die Frage des Personals
Allein der Vertrag mit Rossi hat bisher so viel Aufwand gekostet, dass all die erwarteten Details um sein persönliches Umfeld herum noch garnicht geklärt sind. Wer aus seiner Technik-Crew wird mitkommen? Wie lassen sich seine bisherigen Techniker in die bestehende Struktur von Ducati, die ihrerseits sehr eigenwillig, aber gut eingespielt ist, integrieren? Jeremy Burgess und Valentino Rossi waren ein Jahrzehnt lang wie Pech und Schwefel. Der Australier ging mit dem Italiener von Honda zu Yamaha. So wurde dies auch bei Rossis neuerlichem Teamwechsel erwartet. Doch Burgess liess sich zuletzt in Brünn nicht festnageln. Er sagte, er könne sich auch eine Zukunft mit einem neuen Fahrer vorstellen. «Ich hoffe, dass Jeremy mitkommt»,sagte Rossi. «Aber es ist seine Entscheidung. » Und von dieser dürfte auch die vieler anderer Techniker abhängen. Ein weiterer Verbündeter Rossis war in den letzten Jahren Davide Brivio. Der 47-jährige Italiener war zuvor Teamchef bei Yamaha, doch als Rossi kam, hat er sich in einer Art auf seine Seite geschlagen, dass er bei der Ankunft von Lorenzo zu Yamaha freiwillig seine Position räumte und nur noch für Rossi arbeitete – und gleichzeitig dessen enger Vertrauter und Manager wurde. Brivio ist 1990 als Manager von Fabrizio Pirovano mit Yamaha in Kontakt gekommen. Nach dem Abgang des kleinen Lombarden von Yamaha ist Brivio dort geblieben und hat der Marke zu vielen Erfolgen in der Superbike-WM und im MotoGP verholfen. Wird er nach 20 Jahren noch die Markesind gerade 20 Jahre genug, um einen Tapetenwechsel vorzunehmen », verlautete Brivio in Brünn vielsagend. «Valentino legt weiterhin grossen Wert auf meine Arbeit. Ich werde mich in den nächsten Tagen entscheiden. »
Ungewissheit bei der Technik
Ducati steht dieses Jahr noch ganz ohne Sieg da. Casey Stoner und Nicky Hayden stürzten zu Beginn der Saison mehrmals übers Vorderrad, Stoner kehrte gar zur alten Gabel zurück und nahm bewusst Nachteile beim Anbremsen in Kauf. Andererseits: Hayden schaffte weit bessere Ergebnisse als im Vorjahr. Als Rossi zu Yamaha kam, hatte die M1 in zwei Jahren keinen einzigen Sieg errungen, Rossi und Burgess krempelten sie im Winter komplett um und gewannen nicht nur gleich das Debüt-Rennen, sondern auch den Titel. Allerdings konnten sie damals auch deutlich mehr testen, als es heute erlaubt ist. Dazu hat die Ducati durch ihr Kohlefaser-Fahrwerk und den mittragenden Motor wenig Gemeinsamkeiten mit den Konstruktionen der Japaner, und Rossi kann weniger auf seine Erfahrungswerte zurückgreifen. Technik-Insider sind sich auch einig, dass die Kombination Rossi/Burgess viel von ihrem einstigen Wissensvorsprung eingebüsst hat. Einige sagen, Burgess wäre gar seit mehr als einem Jahr bei Yamaha gegenüber Lorenzos Crewchief Ramon Forcada ins Hintertreffen geraten. Doch Rossi pflegt auch ein hervorragendes Verhältnis zu Konstrukteur Filippo Preziosi, Ex-Testfahrer Vittoriano Guareschi ist gar ein guter Kumpel von ihm. Und sie haben sich sicher in all den Jahren nicht nur über Mädchen, sondern auch über die Technik der Ducati unterhalten. «Bisher war Masao Furusawa mein technischer Verbündeter, gleiches verspreche ich mir in Zukunft von Filippo», kommentierte Rossi den baldigen Rücktritt seines Yamaha-Bosses. Die grosse Frage bleibt, ob Rossi überhaupt genügend testen kann, umd as Motorrad ausreichend kennen zu lernen und auf seine Belange abzuändern. Er muss sich gar darauf einstellen, nur die offiziellen Tests im nächsten Jahr zu haben. Doch wird im Hintergrund schon über eine Lockerung des Testsverbots gesprochen. Die Dorna will sicher nicht, dass die Umsteiger Stoner und Rossi unvorbereitet zum Saisonsstart antreten und die Show dadurch gefährdet ist.
Wie fit ist Rossi?
Bleibt schliesslich die Frage, wieweit Rossi seine fahrerische Überlegenheit wiederherstellen kann. Die Motocross-Verletzung von April ist bis heute nicht auskuriert, auch von seinem Beinbruch muss er sich noch erholen. Die Konkurrenz, allen voran Jorge Lorenzo, hat fahrerisch zugelegt, und Rossi wird nicht jünger. Seine Willenskraft steht ausser Frage. Doch schafft er es, sich so aufzubauen, dass er die gleichen Reserven hervorlockt, mit der er 2004 sein neues Team zum Titel geführt hat? Bisher schöpfte Rossi gerade in Zeiten von Rückschlägen die stärkste Motivation, wieder ganz an die Spitze zu kommen. Und dieses Feuer scheint noch lange nicht erloschen.







