Kolumne - Gerd Riss

Am besten vorne wegfahren

Von Gerd Riss
10.09.2009 15:47:55

Noch in der letzten Woche konnte ich mir nicht vorstellen, als neuer Weltmeister nach Vechta zu fahren.

In meinem Kalender habe ich schon am Jahresanfang für den 12. September ganz dick «WM Vechta, Reiterwaldstadion, 19 Uhr» eingetragen. Auf diesen Tag habe ich mich das ganze Jahr über konzentriert und darauf hingearbeitet: Über Winter Gewicht reduziert, an den Motorrädern noch einige Details verbessert. Die Gewissheit, maschinell bestens gerüstet zu sein, hatte ich bereits von der DM in Pfarrkirchen, wo mich mein Tuner Anton Nischler bereits den Prototyp des Top-Motors für diese Saison einsetzen liess. Ich war also gerüstet beim ersten Rennen, musste nicht mehr testen oder auf etwas Ungewohntes, Neues wechseln. Das war ein gutes, beruhigendes Gefühl, ich glaube auch ein Plus gegenüber einigen Konkurrenten.

Dass ich aber jetzt am Samstag als Weltmeister nach Vechta fahren würde, damit habe ich selbst in der letzten Woche nicht gerechnet. Ich wollte in Morizes nur Punkte sammeln, um mit einem schönen Polster in Vechta alles klar machen zu können. Unterm Rennen bist du so konzentriert, du denkst nur von Lauf zu Lauf, aber nicht an WM-Stände, deshalb war mir während des Rennens gar nicht klar, dass ich schon vor dem Titelgewinn stand. Zudem waren wir deutschen Fahrer im Gegensatz zu den anderen Nationen ohne Betreuer unseres Verbands, der uns zwischendurch etwa über Punktesstände hätte informieren oder wegen der auf die Franzosen zugeschnittene Bahnpräparation hätte intervenieren können.

Nach dem Rennen gab es nur ein kurzes Anstossen mit einigen Gläsern Sekt. Um drei Uhr nachts ging es zurück in die Heimat, am Montag um 7 Uhr ging der Arbeitsalltag weiter und am Abend stand Motorradreinigen auf dem Programm. Am Dienstagabend hatte meine Heimatgemeinde Seibranz bereits zum Empfang eingeladen, den der Riss-Fan-Club zum zünftigen Strassenfest mit Autokorso, Blasmusik, Rino-Eis und reichlich Verpflegung ausgebaut hatte. Am Mittwoch fiel mir die Arbeit tagsüber schon schwer, aber am Abend mussten noch die Motorräder für Vechta vorbereitet werden. Denn Vechta steht ja in meinem Kalender, also trete ich dort auch an. Ich erwarte am Samstag ein knallhartes Rennen um den Vizetitel. Wobei ich keine Prognose über den Rennausgang wagen will.

Die Tagesform wird wohl entscheiden, denn Pijper, Philipps, Fabriek, Kröger, Speiser und Kylmäkorpi liegen ja noch dicht zusammen. Dabei geht es nicht nur um den Vizetitel, sondern auch um die direkte Qualifikation für die nächste Saison. Der Achte muss bereits beim Challenge in Pfarrkirchen «nachsitzen». Nach dem jetzigen WM-Stand würde es Jonas Kylmäkorpi treffen, der vor Morizes noch auf dem dritten Platz lag. Für ihn bin ich so nebenbei noch als Motorenbote tätig. Von Frankreich nahm ich seinen Motor mit nach Deutschland zu Marcel Dachs, der wiederum brachte ihn zum Tuner Marcel Gerhard und ich nehme ihn dann wieder für den Finnen mit nach Vechta. Wie es dort für mich laufen wird, entscheidet sich auch erst am Renntag selbst. Sollte ich einen Tag erwischen, wie ich ihn etwa in Herxheim hatte, fahre ich wohl am besten vorneweg und halte mich damit aus dem Kampf der Konkurrenz untereinander heraus.

Beweisen muss ich nach dieser Schokoladensaison aber eigentlich nichts mehr. Obwohl, nächste Woche ist die Deutsche Meisterschaft in Mühldorf und da will ich mir den Titel wieder zurück holen. Und dann ist die Saison auch schon vorbei, schade eigentlich. Erst liegen die Höhepunkte in weiter Ferne und dann vergeht die Zeit rasend schnell und die Saison ist schon wieder vorbei. Den Bahnsportfans geht es sicher genauso, daher mein Tipp: Nutzt die Chance vor der langen Rennpause und kommt zu den letzten Renntagen der Saison.

Gerd Riss (44) ist mit jetzt acht Einzel-Weltmeistertiteln und drei Team-Weltmeisterschaften der erfolgreichste Langbahn-Fahrer aller Zeiten. Der Schwabe aus Bad Wurzach fuhr beinahe seine ganze Karriere im Nebenberuf und ist hauptberuflich Zimmerermeister im eigenen Betrieb.




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