Kolumne - Gerd Riss

Es geht auch ohne «Hugo»!

Von Gerd Riss
26.06.2009 07:25:55

Die Saison läuft nicht schlecht. Sechs Starts, sechs Siege, noch dazu den ersten WM-Lauf in Marienbad mit Maximum gewonnen, da kann man nicht klagen.

Aber es kommt auch der Tag, an dem ich nicht gewinne. Nach den Erfolgen von Altrip und Harsewinkel war ich schon sehr zuversichtlich nach Marienbad gefahren. Aus Wladiwostok war eigens mein Freund Sergej Kasakov angereist, um mich moralisch zu unterstützen. Der ehemalige Eisspeedwayweltmeister war laufend am Ordnung machen und kehren. Er hielt die Box so in Schuss, dass ich mich zuweilen wie in der Formel eins fühlte.

Auf der Bahn lief es ihm Training dann gar nicht so gut. Ich fand einfach keine schnelle Linie. Die Bahn hatte vorher wohl wenig Bahndienst gesehen, war trocken, es bildeten sich richtige Sandhaufen. Vor dem Rennen wurde dann noch mal richtig Bahndienst gemacht und das Wasser machte das Material schwer, so dass doch mehr davon liegen blieb. Die Bahn war dann okay.

Im Training fand ich zunächst einfach keine Linie. Ales Dryml, mein tschechischer Freund und Sandbahnfuchs gab mir dann die richtigen Tipps, wo du in den nicht einfach zu fahrenden Kurven den besten Schwung für die Geraden mitnehmen kannst. Aber natürlich reicht es nicht aus, die Bahn gut zu kennen. Der Tscheche Pavel Ondrasik wurde zum Beispiel im Mai in Marienbad hinter Andrew Appleton Zweiter bei den Internationalen Tschechischen Meisterschaften, im WM-Rennen landete er auf Platz 15.

Und so wurde ich dann doch enorm nervös, als ich von meiner etatmäßigen Nummer 1 auf die Ersatzmaschine umsteigen musste. Ich wusste zwar, dass auch der Motor schnell ist, aber würde es im Lauf 1 gleich gegen die Mitfavoriten Kylmäkorpi, Kröger und Diener reichen? Der erste Start gelang, und ich dachte «Hej, es geht auch ohne Hugo». Den Namen hat mein Tuner Anton Nischler dem Nummer-1-Motor gegeben, so heißt übrigens auch der Familienhund der Nischlers. Ich fühlte mich immer besser, alles passte auf Anhieb, ich musste auch während des ganzen Rennens an der Abstimmung nichts mehr ändern.

Den neuen WM-Modus, wonach die gefahrenen Punkte mitgenommen werden, finde ich gerecht. Selbst wenn ich den Finallauf in Marienbad vermasselt hätte, der Kontostand für die WM-Wertung wäre dennoch ganz gut gewesen und nur die zählt bei mir, nicht einzelne GP-Erfolge. Natürlich werde ich jetzt überall als der große Favorit gehandelt, zuweilen wird schon Langeweile für die WM vorhergesagt. Davor kann ich nur warnen. Jetzt kommen andere Bahnen und schon in Marmande (am 13. Juli) kann es ganz anders aussehen.

Ich bin froh, dass ich in Zweibrücken (am 4. Juli) noch ein Rennen auf der Grasbahn habe, um mich nach sechs Sandbahnrennen wieder etwas umzugewöhnen. Gerade bei Grasbahnen kann man aber im Vorhinein nie sagen, wie sie am Renntag sein werden. Ich bin schon in Marmande gefahren, wo man überall fahren konnte. Es gab aber auch Tage, da war innen alles glatt und nur ganz außen richtig Griff. Und wenn dann alle auf dieser schmalen Linie fahren wollen, dann wird es extrem eng.

Hinzu kommt, dass der Übergang zwischen glatt und griffig ziemlich abrupt ist. Die Franzosen, Kylmäkorpi, Piijper, Appleton und Fabriek schätze ich dort ganz stark ein und ich prophezeie: dort wird es enger zugehen als in Marienbad.

Gerd Riss (44) ist nicht nur der erfolgreichste deutsche Bahnrennfahrer, sondern mit 7 Einzel-WM-Titeln und 2 Mannschafts-Weltmeisterschaften auch erfolgreichster Langbahnfahrer aller Zeiten. In beiden WM-Disziplinen verteidigt er 2009 seine Titel.




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