20 Jahre Rennen ohne Mauer! DDR-Motorsportler damals & heute:1. Folge: Peter Mücke
Wo ein Wille, da ein Sieg
Auch nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten blieb Peter Mücke (62) aus Berlin ein ganz grosser Motorsportler. 11 Meistertitel hat er in der DDR als Fahrer gewonnen, 2 Meister- und 3 Vizemeister-Titel im neuen Deutschland als Teamchef. Am Steuer historischer Rennautos siegt er heute noch.
An den 9. November 1989 im Ostteil des geteilten Berlin kann sich Peter Mücke noch ganz genau erinnern: «Ich kam heim aus meiner Motorradwerkstatt, wo ich nicht viel mitgekriegt hatte von der brodelnden Lage. Beim Abendbrot haben wir den Fernseher eingeschaltet und sahen: Die sammeln sich an der Grenze. Da habe ich meine Frau in meinen alten Matra-Simca geladen und fuhr selber hin. Ich war das zweite oder dritte Auto, das rüberkam, als die Massen hindurchdrängten. Die sind mir sogar übers Dach gelaufen. Das war schon bewegend.» Das bewegt ihn heute beim Erzählen immer noch: Mücke zieht die markanten Augenbrauen eng zusammen. Der rote Kugelschreiber, den er die ganze Zeit schon zwischen beiden Daumen und Zeigefingern dreht, rotiert noch schneller. Wir sitzen in Peter Mückes Büro in Rotberg. Hier, auf der Südseite des Flughafens Berlin- Schönefeld, ist die Rennzentrale von Mücke Motorsport. Hier werden die Rennwagen für DTM, Formel 3, Formel BMW und Formel ADAC plus ein NASCAR-Showfahrzeug gewartet und gelagert. DDR-Motorsportler 20 Jahre nach Mauerfall und Wiedervereinigung, das ist heute unser Thema. «Machen Sie bitte so eine Serie! Denn was wir damals in der DDR an Motorsport gemacht haben, war ganz bestimmt nicht schlecht», hatte Peter Mücke MOTORSPORT aktuell im Sommer ermuntert. Dass er jetzt Hauptfigur der ersten Folge ist, hat natürlich andere Gründe. Da sind die mehr als 400 Siege, die elf DDR-Meistertitel, vier auf der Rundstrecke im Tourenwagen, sieben im Autocross, die der 62 Jahre alte Kfz- Meister aus Berlin-Altglienicke gewonnen hat. Da sind auch die beiden Formel-BMW-Titel, zuletzt 2004 mit dem heutigen Formel-1-Vizeweltmeister Sebastian Vettel, sowie dreimal der Vize-Titel in der Formel-3- Euroserie. Und da sind die ersten Plätze, die er selbst auch dieses Jahr auf einem historischen Ford Capri errungen hat. Kein anderer Motorsportler der ehemaligen DDR hat es vor und nach der Wende so weit gebracht mit Automobil-Rennen wie Peter Mücke. Warum? «Zuerst zählt der Wille», sagt Peter Mücke, «ob du das wirklich willst und lebst, was du tust. Wenn, dann ist der Rest eigentlich nur eine Folge.»
Erste Rennen erst mit 27
Sein Wille zum Motorsport ist besonders gross. 27 Jahre ist Mücke bereits, als er 1973 zum ersten Mal ins Renncockpit klettert. «So lange hat es eben gedauert, bis ich mir ein Auto zusammengespart hatte», merkt er an. Von Bitterkeit oder Missmut darüber, in einem nur formal demokratischen Staat voller beschränkter Freiheitsrechte und Entfaltungsmöglichkeiten geboren und aufgewachsen zu sein, keine Spur. Peter Mücke ist der Prototyp des Machers, den sein Charakter vorwärts und vor allem zum Handeln treibt – egal, in welchem politischen System er lebt. Wer im Planwirtschaftsapparat der Deutschen Demokratischen Republik Motorsport machen will, muss besonders in die Hände spucken. Denn selbst wer das nötige Geld hat, kann nicht das nötige Gerät kaufen. «Bei uns musstest du Fahrer, Mechaniker, Konstrukteur und Organisator sein, sonst konntest du dir das Paket nicht schnüren », betont Mücke. Fast alles wird zwischen 1949 und 1989 selber erdacht und gemacht. Fehlt etwas, wird der nächste Sportskamerad gefragt. Motto: Machst du mir ein Getriebe, mach ich dir einen Motor. Kolben-, Zylinderköpfe-, ja selbst Felgengiessen in zentnerschweren, ebenfalls selbst gebauten Formen, all das schafft dieser geschickte Handwerker genauso wie kopierte Recaro- Schalensitze oder imitierte Hewland-Getriebe, die von ihren Originalen kaum zu unterscheiden sind. Und so begabt wie beim Produzieren ist Mücke auch beim Organisieren. Stahl, Alu, Titan, in einem der sozialistischen Bruderländer ist nötiges Baumaterial irgendwie immer zu kriegen. «Dabei war es wichtig, keine falschen Schritte zu machen», sagt er und zieht die hohe Stirn tief in Falten. Denn: «DIE waren ja immer da.» Mit DIE meint Peter Mücke die Spitzel von der Stasi – der Staatssicherheit, wie es ganz korrekt heisst. Einmal gab es mit den Daueraufpassern Riesenärger: «Um mir Reifen zu besorgen, hatte ich in der Tschechei für einen Westberliner Rallyefahrer Servicedienst gemacht. Ich war noch nicht wieder zurück in Ost-Berlin, da hatten DIE mich schon.» Klipp und klare Stasi- Ansage beim Verhör: «Mücke, noch so ein Ding, dann ist deine Rennlizenz futsch.» Also noch besser organisieren. Und weiter bestens fahren und gewinnen. Ob auf dem Schleizer oder dem Frohburger Dreieck oder auf dem Sachsenring, ob im Wartburg 353 (bis 100 PS) oder im Zastava 101 (bis 130 PS) – wo Peter Mücke lenkt, ist meist vorn. Aber auch das wird sehr kritisch beobachtet. «War der Zastava-Motor überhaupt homologiert? Der soll sogar von einem Parteisekretär mit gefälschten Papieren einen Rennmotor aus England gekriegt haben.» Das bekommt an verschiedenen Stellen heute noch der zu hören, der in der Szene des Ex-DDR-Motorsports zu PeterMücke recherchiert.
Misstrauen der alten Gegner
Mücke selbst hat für solche Anwürfe nur ein knappes Kopfschütteln übrig: «Das ist doch immer und überall das Gleiche im Motorsport: Wer Erfolg hat, wird auch verdächtigt.» Ironisch grinsend fügt er hinzu: «Es wurde sogar behauptet, ich hätte unterm Sitz einen geheimen Hebel gehabt, um in einen fünften Gang zu schalten – bei meinem Vierganggetriebe.» Doch so lapidar will er dieses leidige Thema nicht abschliessen. Ernst dreinschauend sagt er: «Mein Motor ist mehrfach aufgemacht und überprüft worden, und immer war alles ganz akkurat. Immer wieder gewinnt doch keiner, der ein Bescheisser vor dem Herrn ist, sondern einer, der auf Dauer gute Arbeit macht.» So wie ich, das sagt Mücke nicht. Aber wir haben es klar und deutlich verstanden. Zurück zur Maueröffnung 1989: Peter Mücke ist an jenem 9. November fast 43 Jahre alt. Die Woche über schafft er in seiner Motorradwerkstatt, am Wochenende schrubbt er über die Autocrosspisten des Ostblocks. Beim Drift im Dreck kommt sein grosser Erfolg allerdings erst nach der Wiedervereinigung: Autocross-Europameister 1992, 1993 und 1995. Doch kaum ist 1989 die Grenze nach Westen offen, denkt der schnelle Mücke Peter erst wieder ans Existenzsichern statt ans Rennfahren: erste Yamaha- Werksvertretung in der DDR, Rennwerkstatt zum Ford-Autohaus umfunktioniert. «Ich habe Gewerbe- und Bauantrag gestellt, da wussten die von der Behörde noch nicht mal richtig, dass die Wende da war», verrät er und lacht laut. Nach seinem letzten Titelgewinn 1995 im Autocross sattelt Peter Mücke 1996 um auf den historischen Motorsport der alten Bundesländer. In der Youngtimer Trophy gibt er zuerst einem Ford Escort BDA die Sporen. Bleibenden Eindruck hinterlässt die erste Begegnung mit der Nordschleife des Nürburgrings, als Mücke dort ganz allein ein 500-km-Rennen fährt. «Nach dem Training hatte ich ein Viertel der Strecke halbwegs drin, den Rest bin ich Rennen auf Sicht gefahren», berichteter. Heute, wo er einen 450PS starken Cosworth-Capri durch die Grüne Hölle scheucht, fühlt sich der Mann aus dem Berliner Südosten auch dort zu Hause.
Inzwischen Schüler des Sohns
Mit kritischen Augen überwacht wird Peter Mücke dann von Sohn Stefan (27). «Mit all den Datenaufzeichnungen, die wir früher ja nicht hatten, lerne ich in jeder Runde noch dazu», bekennt Peter Mücke. Hier zu spät gebremst, da den Scheitelpunkt nicht exakt getroffen, Mücke junior zeigt dem Herrn Papa ganz genau, wo es noch besser, noch schneller geht. «Er lässt sich ohne Widerworte korrigieren, will ständig weiterkommen », sagt Stefan Mücke. Dieser reibungslose Rollentausch ist nicht die Regel. Für Peter Mücke, der als Teamchef nach Sohn Stefan – 2009 Champion der Le Mans Series –, grosse Renntalente wie Sebastian Vettel, Sébastien Buemi, Markus Winkelhock, Christian Klien, Robert Kubica, Bruno Spengler und zuletzt Christian Vietoris in seinen Formel-Autos ausgebildet hat, aber typisch. «Durch dieses Analysieren mit Stefan kann ich meine jungen Fahrer viel besser verstehen als früher», gesteht der Altmeister, «denn ich ertappe mich beim Auswerten wie im Auto ständig selbst bei den Fehlern, die ich den Jungs vorhalte.» Aufhören mit Vollgas kann Peter Mücke weder im noch ausserhalb des Rennautos. «Aus dem Machbaren das Maximale rausholen», das bleibt seine Devise. Mit der ist er gut gefahren –im geteilten und im wiedervereinten Deutschland.







