20 Jahre Rennen ohne Mauer! DDR-Motorsportler damals & heute 3. Folge: Heinz Rosner

Heinz Rosner : 70 und nicht zu bremsen

Heinz Rosner musste als MZ Werksfahrer nicht lange auf den Erfolg warten. Genauso wenig auf die Repressionen des DDR-Systems. Heute kann ihn und seine MZ nichts mehr stoppen.

Bild
20 Jahre Rennen ohne Mauer! DDR-Motorsportler damals & heute: 3. Folge: Heinz Rosner

Heinz Rosner und die MZ: Heute bei Oldtimer-Rennen

Heinz Rosner und die MZ: Heute bei Oldtimer-Rennen

Wenn er sein spitzbübisches Lächeln aufsetzt, dann scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Heinz Rosner hat sich seit einem halben Jahrhundert, als er wie eine Granate in den DDR-Rennsport einschlug, nicht verändert – vor allem nicht, wenn er am Gasgriff seiner MZ dreht. Er hat Benzin in den Adern, und daran konnten 70 Jahre, etliche Knochenbrüche und sogar eine Gehirnoperation nichts ändern. «Es konnte eigentlich gar nicht anders kommen», strahlt er, wenn er über die Anfänge erzählt. «Ich habe 1953 als 14-Jähriger mit einer Lehre bei einer EMW-Vertretung begonnen, und im gleichen Laden haben Alfred Kaltofen und Hans Lenz gearbeitet. Der Erste fuhr Rennen mit einer 500er-BMW, der zweite mit einer 250er-Puch. Da hat es bei mir gleich gefunkt.» Es sollten aber noch ein paar Jahre vergehen, bis der am 14. Januar 1939 in Hundshübel geborene Rosner das Geld für den Rennsport beisammen hatte. Dafür ging es 1958 auch gleich richtig los: «Ich startete mit einen Eigenbau aus einer MZ RT 125 mit Dreigang-Serienmotor. In der Ausweisklasse wurde ich auf der Halle-Saale-Schleife gleich Siebter und in Leipzig Fünfter gegen die ganzen Rennmaschinen. Dann konnte ich bei MZ einen Viergang-Drehschieber- Motor kaufen, und mit dem habe ich bis Ende 1959 so viele Rennen gewonnen, dass sie mich nicht länger in der Ausweisklasse fahren liessen.» MZ-Sportdirektor Walter Kaaden war das Talent von jung Heinz ebenfalls nicht verborgen geblieben, für das Rennen in Halle im Spätherbst 1959 gab er ihm eine alte 250er-Werks-MZ. «Allerdings musste die Verkleidung ab, weil dies in der Ausweisklasse so vorgeschrieben war. Ich habe damit das ganze Feld zweimal überrundet», erzählt Rosner.

Sensationelles Debüt
Als frischer Lizenzfahrer sollte er 1960 vom MC Wismut-Aue eine 125er-MZ bekommen: «Doch sie wurde nicht geliefert, und ich stand am 24. April 1960 beim ersten Rennen der Saison in Halle-Saale ohne Motorrad da. Doch dann ist MZ-Werksfahrer Walter Brehme gestürzt und hat sich verletzt, und ich wurde auf seine 250er gesetzt.» Rosner war die Sensation des Wochenendes. Er kam auf Anhieb mit dem damals schnellsten Zweitakter der Welt klar und hätte fast gewonnen. «Das durfte ich aber nicht, weil ich kein regulärer Werksfahrer war, so musste ich mich mit Platz 2 zufrieden geben. Das hat mir Rennleiter Bernhard Petruschke klar zu verstehen gegeben. Kein Problem, ich fuhr auf dem zweiten Platz, bevor mir die Zündung kaputtging.» Der Sprung an die Spitze war geschafft. Walter Kaaden liess ihn gleich mit der 125er beim GP Finnland antreten. Rosner erinnert sich schmunzelnd: «Dort wurde ich nach Stallregie Zweiter hinter Hans Fischer, und ich war überwältigt von der Schönheit des Landes. Es gab viele kristallklare Seen, in denen man schwimmen konnte.»

Von der Politik blockiert
Doch dass der fixe DDR-Bürger seinen Gefallen an der skandinavischen Landschaft so offen kundtat, wurde Rosner zum Verhängnis: «Als Walter Brehme wieder gesund war, hörte ich lange nichts von MZ. Ich dachte mir nichts dabei, denn ich war ja nur Reservefahrer. Ich bekam beim MC Wismut-Aue meine 125er-MZ-Rennmaschine, und ich durfte neben den DDR-Rennen nur solche in den sozialistischen Nachbarländern fahren.» Warum die so hoffnungsvolle Karriere vorläufig einen Knick bekommen hatte, erfuhr Heinz Rosner vier Jahre später, als Bernhard Petruschke nicht mehr Rennleiter bei MZ war: «Er hat meine Aussagen, dass es mir in Finnland sehr gut gefällt, der Partei weitergeleitet und gesagt, dass ich jung und unverheiratet bin und so Fluchtgefahr besteht. So kam ich als MZ-Werksfahrer nicht mehr in Betracht.» Doch Kaaden setzte sich für den einstigen Shootingstar ein, holte ihn 1964 wieder ins Werksteam. Zuvor hatte sich Rosner neben der 125er eine auf 132 ccm aufgebohrte MZ aufgebaut, mit der er in der 175er-Klasse antrat. Auf der Halle-Saale-Schleife wurde er mit der 132er gar bei den 250ern Dritter. Rosner sollte fortan auch die MZ-Werksmannschaft beflügeln. Endlich sass neben dem Briten Derek Woodman ein Ostdeutscher drauf, der das Potenzial ausschöpfen konnte. Er fuhr in drei Klassen, und sein Fahrtalent blieb nicht verborgen: «Schon 1965 hätte ich Werksfahrer bei Suzuki werden können. Doch dies wäre nur mit Flucht gegangen, und die kam für mich nie in Frage.» Obwohl es finanziell bei MZ immer enger wurde, wurde Heinz Rosner 1965WM-Vierter, 66 Fünfter, 67 Sechster und 68 gar Dritter bei den 250ern.Dazu wurde er mit der 251-ccm-Version 1966 bei den 350ern WMSiebter, 67 und 68 WM-Vierter. «Obwohl die Materialqualität teilweise abenteuerlich war, habe ich 1968 mit der 250er alle Rennen, die ich gefahren bin, beenden können. Dabei hatten wir echte Probleme mit Kolben, Hubzapfen und den Magneten gehabt, die häufig für Ausfälle sorgten. Wir hatten einfach nichts Besseres als die Kolben aus Leipzig und die Magneten aus Chemnitz», erzählt er. Auch leistungsmässig war die MZ mittlerweile ins Hintertreffengeraten: «Die Sechzylinder- Honda hatte 68 PS, die Vierzylinder- Zweitakter von Yamaha sogar 76. Dagegen konnten wir die Zuverlässigkeit nur bei 52PS sicherstellen.»

Die grosse WM-Chance
Nach der Saison 1968, wo Rosner bei den 250ern nur den beiden Werks-Yamahas von Phil Read und Bill Ivy unterlag, sollte 1969 der grosse Durchbruch passieren: «Yamaha hatte sich zurückgezogen, und wir hatten im Winter 10 PS gefunden. Damit sollten wir für den WM Kampf gerüstet sein.» Doch es kamanders: Nach einer Saison voller Ausfälle reichte es bei den 250ern nur für Platz 7 in der Endabrechnung, und auch der erneute vierte Platz bei den 350ern machte Rosner nicht glücklich: «Ich konnte bei jedem Rennen an der Spitze mitfahren. Doch die Mehrleistung ging auf Kosten der Standfestigkeit. Kaaden wusste so viel über den Zweitakter, er hätte die Leistung ins Unendliche steigern können, doch die Materialqualität war einfach unser Sargnagel. Bei den 350ern hätte mir ein vierter Platz beim WM Finale in Opatia zum Vize-Titel hinter der unerreichbaren MV Agusta von Agostini gereicht. Dann ist mir an zweiter Stelle liegend die Kupplung verbrannt – wieder nur WM-Vierter. »

Zurück ins Geschäftsleben
Nach dieser Enttäuschung gab Heinz Rosner seinen Rücktritt bekannt und kündigte seinen Vertrag bei MZ. Er bekam auch gleich die Quittung: Sein Reisepass wurde eingezogen. «Ich war ohnehin der einzige MZ Werksfahrer, der nicht Angestellter des Werks war. Ich war Privatkapitalist», berichtet er. Seine Eltern hatten eine Tankstelle und ein Taxiunternehmen, was in der DDR nur unter unendlich vielen Auflagen geduldet wurde. «Die Tankstelle stand auf unserem Grundstück, wir haben das Benzin und das Öl von der staatlichen Mineralölgesellschaft Minol auf Kommission geliefert bekommen. Dann gehörten wir zur Taxigewerkschaft, so konnten wir nach sehr strenger Abrechnung das Fuhrunternehmen betreiben. » 1964 hatte Rosner das Geschäft von seinen Eltern übernommen und mit seiner Frau Katja weitergeführt. Enttäuscht vom Rennsport wandte er sich ganz seinem Betrieb zu. Als sein Freund Günter Bartusch, den er ins MZ-Werksteam gebracht hatte, 1971 auf dem Sachsenring starb, verabschiedete sich Heinz Rosner endgültig vom Rennsport. Gerade als die Wende entscheidend Schwung bekam, war der damals 50-jährigeRosner doch wieder im Sattel: «Mit Hilfe von Walter Kaaden hatte ich aus Teilen wieder eine 251er-MZ aufgebaut. Damit liess man mich kurz vor dem Fall der Mauer im September 1989 beim Oldtimer-Rennen in Hockenheim starten.» Nach der Wende überliess Rosner das Taxi-Geschäft seiner Frau, kaufte sich einen Sattelzug und stieg in das internationale Transportgeschäft ein: «Die Tankstelle mussten wir aufgeben, denn in der Umgebung wurde ein Trinkwasser- Reservoir aufgebaut.»

MZ und Fahrer fit
Mit den neuen Möglichkeiten war auch der Rennfahrer Heinz Rosner wieder erwacht: «Wir konnten die MZ nun mit Teilen versehen, die die Zuverlässigkeit sicherstellten, die ihr damals gefehlt hatte. Die Kolben kommen nun von Mahle, über die Firma Wahl in Fellbach. Die Zündung liefert Herbert Pitsch, der die Kröber-Zündung weiterbaut. Die restliche Maschine ist aber identisch mit der von 1967. Die Teile fertigt Bernd Köhler, ein Ex-Rennfahrer und Ingenieur aus der Entwicklungsabteilung, der sich nach der Wende selbständig gemacht hat und auf modernsten Schweizer Fertigungsmaschinen arbeitet, mit qualitativ hochwertigem Material. Er hat teils sogar die alten Werkszeichnungen. An Ersatzteilen mangelt es mir nicht, das Motorrad ist nun zu100 Prozent zuverlässig.» Walter Kaaden hat Rosner bis zu seinem Tod zu Rennen begleitet. «Er war ein ganz aussergewöhnlicher Mann. Er war nur zu gut für das DDR-System. Er konnte sich dort nicht ausreichend durchsetzen, sonst hätten wir auf der Strasse genauso viele Erfolge erzielt wie die Enduro- Fahrer. Auch dort hat das technische Genie von Kaaden für den Erfolg gesorgt. Zu mir war er wie ein Vater, hat mich auch immer vor zu viel Risiko bewahrt», urteilt Rosner. 2005 wurde noch die 7-Gang- 250er nach der 1966er-Spezifikation fertig, doch dieses Getriebe wurde Rosner zum Verhängnis: «Es ist mir in Hockenheim festgegangen, und ich habe mir die Hüfte gebrochen. Damit war für mich Schluss.» Nicht mit der Rennerei, sondern mit dem Berufsleben. «Die Ärzte waren sich nicht sicher, ob ich wieder laufen können werde, da habe ich meine Lkw und Taxen verkauft und mich zur Ruhe gesetzt.» Mit dem Rennfahren ging es hingegen gleich weiter. «Ich fahre von April bis Oktober bei Oldtimer- Rennen, habe so viele Einladungen, dass ich jedes Wochenende fahren könnte. Aber ich suche mir die Strecken und die Veranstaltungen aus, die mir gefallen – und wo Gas gegeben werden kann. Denn das mit der Gleichmässigkeit ist nicht mein Ding. Es ist schon merkwürdig, wenn einer gewinnt, den ich vorher zweimal überrundet habe. Und ich fahre noch immer auf Sieg.»

Nichts kann ihn stoppen
Doch seinem nach wie vor harten Einsatz zollte er Tribut: «2008 war ich bereits auf einer Seite gelähmt. Man machte mir den Schädel auf und entfernte Knochensplitter aus dem Gehirn, die auf wichtige Nervenbahnen drückten. Ich bin ja einige Male auf den Kopf gefallen, die Ärzte konnten nicht genau sagen, ob es von meiner früheren Zeit oder von jetzt stammte. » Im Juli 2008 wurde Heinz Rosner operiert, beim Saisonfinale in Hockenheim im September sass er schon wieder im Sattel. Aus dem wird er sich auch nicht so bald wieder verbannen lassen.

Autor: Imre Paulovits
Alle mit einem * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.

Kommentare müssen erst von der Redaktion freigeschaltet werden.

Bitte tragen Sie den Text des Bildes in das Feld ein.

Code nicht erkennbar? Neuen Code erzeugen
Zeichen verbleibend
MOTORSPORT aktuell