20 Jahre Rennen ohne Mauer! DDR-Motorsportler damals & heute : DDR-Motorsport 1960–1969

Als die 1960er begannen, kamen die MZ- Zweitakter dem WM-Titel immer näher. 1960 wurde Ernst Degner bei den 125ern bereits WM-Dritter hinter den beiden MV-Agusta- Werksfahrern Carlo Ubbiali und Gary Hocking.

1961 war das Ziel schon zum Greifen nah. Degner führte nach Siegen auf dem Hockenheimring, dem Sachsenring und in Monza die WM klar an und lag auch im schwedischen Kristianstad in Führung. Doch dann geschah das Unfassbare: Degner überdrehte seinen Motor und setzte sich in den Westen ab. Honda- Werksfahrer Tom Phillis schnappte sich mit einem Sieg beim WM-Finale in Buenos Aires den Titel mit ganzen zwei Punkten vor Degner. Was noch schwerer wog als der verlorene Fahrertitel, war, dass Degner auch das Geheimnis von Walter Kaadens Kanalführungen mitnahm und er bereits im nächsten Jahr auf Suzukidererste 50er-Weltmeister der Geschichte wurde. Die Staatsführung der DDR war über diesenWissenstransfer so erbost, dass sie die Unterstützung des Strassenrennsports bei MZ auf ein Minimum reduzierte. Da konnten die Werksfahrer Hans Fischer, Werner Musiol, Walter Brehme, Klaus Enderlein und Wolfgang Moses und später Dieter Krumpholz, Heinz Rosner und Günter Bartusch nur noch die Brotkrumen zusammensammeln, die von der einstigen Zweitakt- Macht übrig blieb. Dass sich trotzdem noch WM Siege und Achtungserfolge einstellten, zeigte umso mehr das Genie von Walter Kaaden, der auch noch aus den verbliebenen Mitteln alles rausholte, was er konnte. Wie es imStrassen rennsport hätte werden können, zeigte Kaaden mit seiner Enduro- Truppe. Sie genoss nun die Unterstützung des Staates, und dort brach die goldene Zeit des DDR-Motorsports an. Von 1963 bis 1967 gewann das DDR-Team ohne Unterbrechung die Trophy-Wertung der Six Days, der späteren Mannschafts- Weltmeisterschaft des Geländesports. 1968 wurden sie in San Pellegrino knapp von der einheimischen italienischen Mannschaft geschlagen, um die Trophy 1969 dann in Garmisch- Partenkirchen zurückzuerobern. Dabei erlangten die MZ-WerksfahrerWerner Salevsky, Peter Uhlig, Horst Lohr, Hans Weber, Günter Baumann, Bernd Uhlmann sowie später Fred Willamowski, Klaus Halser, Klaus Teuchert und Karl- Heinz Wagner unzählige Einzeltitel, und auch die Werksmannschaft der Suhler- Simson- Werke trug ihres dazu bei, dass auch die Klassen 50, 75 und 100 ccm durch die Fahrer Ewald Schneidewind, Dieter Salevsky, Gottfried Pohlan und Lothar Schünemann fest in DDR-Hand waren. Diese Fahrer fochten auch die DDR-Meisterschaft unter sich aus. Ohnehin wurden «Rund um Zschopau» und «Rund um Suhl», die um die beiden Werke herum stattfanden, zu Grossveranstaltungen, die sich auch im internationalen Vergleich mit allem, was es rund um den Globus gab, messen konnten und auch unter den DDR-Fahrern die Spreu vom Weizen trennten. Im Motocross gab es seit 1956 die DDR-Meisterschaft. Ernst Wolff aus Fürstlich Drehna war ein Mann der ersten Stunde, errang schon in den 50er-Jahren fünf Titel in den Klassen bis 125 und175ccm–zunächstauf einer Eigenbau-Maschine, später auf Jawa-CZ. Bis einschliesslich 1967 wurde er noch weitere vier Mal DDR-Meister. Danach wechselte Wolff ins Lager der Motorbootsportler und von dort weiter zum Gras- und Sandbahnsport. Während der 60er-Jahrewurde das MX-Championat in den Solo-Klassen bis 125, 175, 250, 350 und 500 ccm ausgetragen. 1960 holte der Potsdamer Fred Willamowski seinen ersten Titel. Er liess noch weitere drei folgen, bevor er im Endurosport für Furore sorgte. Paul Friedrichs gelangen 1962 in den Klassen bis 250 und 350 ccm gleich zwei Gesamterfolge. 

Allein in den 60ern erkämpfte sich der Mann aus Buchholz bei Stralsund noch weitere elf nationale Titel. Friedrichs sorgte aber auch dafür, dass sich die goldene Ära der DDR-Geländefahrer ebenfalls im Motocross bis auf WM-Ebene fortsetzte. 1965 setzte er beim WM-Auftakt der 500-ccm-Klasse in Sittendorf (A) mit der neuen tschechischen 360-ccm-Zweitakt-CZeinen Paukenschlag gegen die etablierten englischen Viertakt- Einzylinder und fuhr die schnellste Trainingszeit. Nach GP-Siegen in Sedlcany (CS), Ettelbruck (LUX) sowie in Gumpelstadt – bei seiner Heimveranstaltung –wurde er hinter dem britischen Titelverteidiger Jeff Smith Vizeweltmeister. Im März 1966 erhielt Friedrichs vom CZ-Werk in Strakonice eine noch leistungsstärkere Werksmaschine. Mit ihr gewann er gleich die ersten drei WM-Läufe. Nachweiteren vier GP-Siegen wurde er zum ersten Mal Weltmeister. Smith wie auch der Schwede Rolf Tibblin hatten mit ihren Viertaktern keine Chance gegen den 26- Jährigen vom MC Dynamo Erfurt. Ein Jahr darauf konnte Friedrichs seinen WM-Titel mit noch grösserem Vorsprung verteidigen. 1968 hatte er sich vor allem mit dem britischen BSA-Fahrer John Banks auseinanderzusetzen.

Mit einer taktischen Meisterleistung beim letzten Rennen im Schweizer Wohlen holte er sich seinen dritten WM-Titel in Folge. Während die Werksfahrer in der grossen weiten Welt des Motorsports die DDR-Fahnen wehen liessen, war der Alltag für die vielen euphorischen Privatiers umso mühsamer. Mit viel Eigeninitiative schufen sie Eigenbauten oder hielten abgewetzte ehemalige Werksmaschinen am Leben. Dabei entwickelten einige von ihnen unglaubliche technische Fähigkeiten. Hartmut Bischoff fertigte nicht nur Rennmotorräder für sich selbst, mit denen er 1966 gleich Doppelmeister bei den 125ern und 250ern wurde, sondern versorgte in der später ausgetragenen 250er-Einzylinderklasse bis in die 80er-Jahre das gesamte DDR-Startfeld mit Material. Thomas Heuschkel wurde mit seinem Eigenbau 1967 DDR-Meister, mit dem er sogar 1970 beim Grand Prix von Finnland in Imatra Zweiter hinter Weltmeister Dave Simmonds wurde. Auch Eberhard Helbig brachte es 1967 mit seinem 250er-MZ-Eigenbau zu DDR-Meisterehren. Jochen Leitert, Friedhelm Kohlar und Eberhard Mahler waren ebenfalls hervorragende Privatfahrer, genau wie Günter Bartusch, der letzte DDR-Pilot der 1960er-Jahre, dem der Sprung ins MZ-Werksteam gelang.

Autoren:Günter Geyler , Steffen Ottinger
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