Von MSa-Reporter Heinz Prüller
Am 10. September 1961 starb Wolfgang Graf Berghe von Trips beim Grand Prix von Italien in Monza. Als er die Chance hatte, erster deutscher Formel-1-Weltmeister zu werden. Viele verehren ihn bis heute als einen der grössten Motorsportler.
«Graf Trips tot – Phil Hill Weltmeister!» Die Schlagzeile, die vor 50 Jahren die Sportwelt erschütterte. Monza, 10. September 1961: Wolfgang Alexander Albert Eduard Maximilian Reichsgraf Berghe von Trips (33), als erster Deutscher den Formel-1-WM-Titel vor Augen, im Duell mit seinem US-Stallkollegen verunglückt.
Trips historisch: Er war ein Motorsportler, der die Brücke schlug zwischen den heroischen Staubkappenfahrern der Silberpfeile-Epoche, also Caracciola, Rosemeyer, Stuck senior, Lang, und der goldenen Schumi-Ära in der Hightech-Formel-1. Der Mann, der die deutschsprachigen Rennfahrer überhaupt zurückbrachte auf die Weltlandkarte des grossen Automobilsports. Furchtlos, hochtalentiert, schnell, sensibel, vor allem aber kühn und edelmütig. Der junge Adelsherr von der mittelalterlichen Wasserburg Hemmersbach in Horrem bei Köln war ein Gentleman-Driver. Im Gefecht auf den Rennstrecken war «Wölfchen», wie ihn seine Familie liebevoll rief, der letzte Ritter.
Aus Rücksicht verloren
Beispiele: Als sich sein Porsche-Stallrivale Jean Behra 1957 am Gaisberg und in Zeltweg beschwerte, Trips hätte das bessere Auto, schlug der Deutsche dem Franzosen spontan vor, die Autos zu tauschen – und gewann wieder. Bei der letzten Mille Miglia 1957, dem lebensgefährlichen 1000-Meilen-Rennen auf offenen italienischen Strassen, verzichtete Trips darauf, seinen führenden, durch einen Hinterachsschaden gehandicapten Ferrari-Stallkollegen Piero Taruffi zu attackieren. Weil er wusste: Taruffi hatte seiner jungen Frau hoch und heilig geschworen: «Lass mich nur noch dieses eine Rennen gewinnen, dann höre ich auf!» Trips respektierte dieses ehelichen Versprechen, ging vom Gas und wurde Zweiter.
Die Todesserie im Ferrari-Team 1957–59, als binnen zweier Jahre Eugenio Castellotti in Modena, Luigi Musso in Reims, Alfonso de Portago bei der Mille Miglia, Peter Collins am Nürburgring und Mike Hawthorn nach seinem Rücktritt als Weltmeister bei einem Verkehrsunfall verunglückten, brachte Trips ins Formel-1-Team der Scuderia. Kein leichter Anfang für Abergläubische: 1956 Trainingsunfall als Ersatzpilot in Monza. 1957 P6 in Buenos Aires, Ausfall in Monaco, P3 in Monza. 1958 P3 in Reims, P4 am Nürburgring, P5 in Oporto. Dann ein Beinbruch – in Monza.
Formel 1 · Grand Prix · Ferrari · Moss
Trips der Kulturmensch
1959 geriet «Taffy», wie ihn die Engländer nannten, in Monaco in eine Massenkollision, wurde 6. in Sebring. Wo Jack Brabham der Sprit ausging, und der Australier sein Auto ins Ziel schieben musste, um dennoch die WM zu gewinnen. Woran Trips auch bald denken durfte. Ab 1960 war er eine konstante F1-Grösse: 5. in Buenos Aires und Zandvoort, 6. in Silverstone, 4. in Oporto, 5. in Monza. Dann endlich: Der «Haifischmaul»-Ferrari – Typ 156 – war 1961 das Superauto; Phil Hill, der US-Amerikaner aus Kalifornien, der Trips-Stallkollege. Die beiden reisten zu den Grand Prix oft gemeinsam in einem Auto – heute bei den Rivalenkämpfen unvorstellbar!
Ihre Konversation? Nicht die Formel 1. Beide waren keine «Benzinköpfe», sondern feinfühlige Kulturmenschen. Trips kam einmal fast zu spät zum Training, weil er im Autoradio ein Klavierkonzert fertig hören wollte. Und Hill, ein fantastischer Pianist, bekam sogar Lob vom Jahrhundert-Violinisten Yehudi Menuhin: «Du hast das feinste Gehör, das ich je bei einem nicht-professionellen Musiker erlebt habe.»
Keine Stallorder bei Ferrari – leider!
Hill starb im August 2008 mit 81 und überlebte Trips um fast 47 Jahre. Einmal sagte er mir: «Wir waren ja beide noch Kids. Ich hätte Taffy gern in höherem Alter gekannt.» Dann wären sie wohl gemeinsam zu den Salzburger Festspielen gefahren oder zu den Bayreuthern.
Stallorder bei Ferrari, die gab es 1961 nicht. «Manchmal hätten wir uns gewünscht, dass uns Enzo Ferrari sagt, was er will», verriet mir Hill viele Jahre später. «Aber da kam nichts. Höchstens das Gefühl, dass Trips von uns beiden auserkoren war. Wegen seiner Herkunft, dem Geld der Familie und wo weiter.»
Erster Deutscher Nachkriegs-GP-Sieger
Ferrari-Rennleiter war damals Romolo Tavoni. Phil Hills Kommentar zu den verschiedenen Männern auf diesem Posten: «Dragoni war ein Drachen, Lini ein Diabolo. Der Einzige, der ein Herz hatte, war Tavoni. Aber der durfte keines haben ...» Der einzige wirkliche Gegner, den Ferrari 1961 hatte, war Stirling Moss auf Lotus. Er gewann das Saisoneröffnungsrennen in Monte Carlo. Auf seiner Verfolgung lösten sich alle drei Ferrari-Piloten ab: Richie Ginther wurde am Ende Zweiter, Hill Dritter und Trips wegen Motorschadens zwei Runden vor Schluss Vierter.
Dafür schlug Wolfgangs Sternstunde im holländischen Zandvoort: Er bezwang Hill um 0,9 Sekunden – der erste deutsche Grand-Prix-Sieg nach dem Krieg. Danach Rückschlag in Reims: In mörderischer Hitze und durch Steinschlag gingen viele Motoren k.o. – auch bei Trips, der fünf Runden geführt hatte. F1-Debütant Giancarlo Baghetti im Ferrari gewann.
Trips schlug in Aintree zu mit einer meisterhaften Demonstration im strömenden Regen und seinem zweiten Triumph, 46 Sekunden vor Teamkollege Hill. Der deutsche Graf sah immer mehr wie der kommende Weltmeister aus. Das spürten auch Hunderttausende, die den Nürburgring stürmten – beim üblichen Eifelwetter. Rutschend und schleudernd auf feuchter Piste kämpften Trips und Hill bis zur letzten Kurve um Rang 2 hinter Moss. Trips setzte sich teamintern erneut durch.
Tödliche Aufholjagd
Vor Monza führt der Deutsche 33:29 in der Punktetabelle und schiesst im legendären Autodromo erstmals in seiner Karriere auf die Pole-Position. Rennen: Neben ihm startet Mexikos Wunderknabe Riccardo Rodriguez (19), der von der Linie weg hart attackiert. Von ihm geht viel Unruhe aus, was Trips zum tödlichen Verhängnis wird.
2. Runde: Beim Anbremsen der Curva Sud, heute Parabolica genannt, kollidiert der zunächst bis auf P6 zurückgefallene Trips beim Wiedereinscheren nach dem Überholen mit Jim Clark. Der in seinem Lotus wissen muss, dass Trips mit dem schwereren Ferrari früher verzögern muss. Trips muss umgekehrt klar sein, dass Clark später bremsen kann.
Nach der Kollision hebt der schleudernde Trips-Ferrari auf der Böschung links neben der Piste ab. Mit dem Grafen sterben 13 Zuschauer. Phil Hill wird ein Sieger und Champion ohne Freude. Und Wolfgang Graf Berghe von Trips bleibt ewig Weltmeister der Herzen.
Zur Person
Geburtstag: 4. Mai 1928
Geburtsort: Köln (D)
Herkunftsland: Deutschland
Todestag: 10. September 1961
Todesort: Monza (I)
Beruf: Diplom-Landwirt
Karriere
1950-53: Motorradrennen (BMW)
1954: Deutscher GT-Meister bis 1600 ccm (Porsche)
1955: 1. Eifelrennen (GT bis 1300 ccm); 2. Mille Miglia (jeweils Porsche);
1956: Sportwagen/Formel 1 (Ferrari)
1957: Formel 1/Sportwagen (Ferrari)
1958: Formel 1/Sportwagen (Ferrari)
1959: Formel 1/Sportwagen (Ferrari)
1960: Formel 1/Sportwagen (Ferrari)
1961: Formel 1/Sportwagen (Ferrari)
2 GP-Siege (1961), 2. F1-WM 1961


















