DDR-Motorsportler damals & heute: 3. Folge Frieder Rädlein: Herr der Zweitakter

Hoch talentiert als Renntechniker und als Rennfahrer. Diese Kombination ist selten. Frieder Rädlein (74) ist solch ein Doppeltalent. Auch nach dem Mauerfall gab er weiter Gas.

Bild
DDR-Motorsportler damals & heute: 3. Folge Frieder Rädlein

Cockpit-Comeback 2003 am 75. Geburtstag von Heinz Melkus

Cockpit-Comeback 2003 am 75. Geburtstag von Heinz Melkus

Den Mann bringt heute erst recht nichts mehr aus der Ruhe. Wenn Frieder Rädlein einem in seinem Häuschen in Wittgensdorf am Stadtrand von Dresden entspannt und zufrieden lächelnd gegenübersitzt, wird dem Besucher schnell klar, warum der Mann mit dem Seebärenbart einst der ruhende Pol des legendären DDR-Rennstalls Melkus war. Frieder, der Friedliche. Eben. «Frag den Frieder», das war zwischen 1957 und 1974 einer der Standardsprüche in den Fahrerlagern des Formel-Sports in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik. Rädlein, 1935 in Weixdorf bei Dresden geboren, hatte dieses unglaubliche Gefühl für die dazumal im Rennsport gebräuchlichen Zweitaktmotoren. Der 74 Jahre alte Sachse mit dem markanten Kinn und dem ebenso markanten Schmunzeln wusste wie keiner um die Zusammenhänge zwischen Kerzen, Vergaser, Düsen und Kraftstoffgemisch. Rädlein fühlte seine Motoren, er vernahm Nuancen des typischen Zweitakt- Geräusches, wo wir Normalsterblichen nur ein Knattern hörten. Zudem kannte er jede Schraube, jeden Niet und jede noch so kleine Feder an den Melkus-Rennern. Ob bei Motoreneinstellung oder bei Abstimmung von Fahrwerk und Reifen – wer Frieder Rädlein fragte, bekam eine kompetente Antwort und Hilfe. Das war und ist für ihn selbstverständlich, warum also gross Worte drüber verlieren?

Rennwagen bauen und fahren
Der rennsportbegeisterte Frieder Rädlein kam 1957 mit 22 Jahren als Kfz-Schlosser nach Dresden in die eben gegründete Fahrschule von Heinz Melkus. Neben dem regulären Unterrichtsbetrieb baute Melkus Rennautos und fuhr Rundstreckenrennen. Für Rädlein die erträumte Chance, selbst ins Renncockpit zu klettern. Dank seiner vielen Talente und Fähigkeiten rund ums Automobil gehörte der junge Mechaniker schnell zur Rennmannschaft und avancierte zum Werkmeister. In kürzester Zeit stieg er auf zum «Herrn der Rennwagenschmiede». Zwischen 1961 und 1968 leitete und koordinierte Frieder Rädlein den Bau der Melkus-Rennwagen und war letztlich für die Funktions- und Wettbewerbsfähigkeit der Formel-3-Fahrzeuge made in Eastern Germany verantwortlich. Als sich der Rennwagenbau 1964 bei Melkus mit dem Typ Melkus 64 sogar zur Serienproduktion mauserte, wuchs auch die Verantwortung des Technikchefs. Frieder Rädlein wurde zu einer zentralen Figur des Formel-Rennsportes der DDR. Die meisten Konstruktionen kannte er aus dem Effeff, fuhr selbst Rennen und kombinierte so die Fähigkeiten des Konstrukteurs und Technikers mit denen des Piloten. So wurde er über die Jahre zum gefragten Ansprechpartner in allen Fahrerlagern des Ostens. Der Mann mit dem besonnenen und ruhigen Charakter entwickelte sich dabei zu einem achtbaren Rennfahrer. Eine Zeitlang hatte er den Ruf des ewig Zweiten. «Der Boss muss wohl erst in Rente gehen.» So hat Frieder Rädlein in der 60er- Jahren oft gedacht, wenn er wieder mal hauchdünn an einer Meisterschaft vorbeigerast war. Fünfmal musste er sich mit dem Vize-Titel begnügen, ehe er seine Formel-Karriere am Ende der Saison 1969 doch noch mit einem Deutschen Meistertitel der DDR krönen konnte. Vor allem aber seine Platzierungen bei internationalen Rennen blieben ihm lebhaft im Gedächtnis. Wie 1960 auf dem Nürburgring: Rädlein erkämpfte sich einen grandiosen zweiten Platz. Und 1961 stand er im noch Juli in Hockenheim auf dem Treppchen. Vierzehn Tage später schloss sich die Grenze: Mauerbau. Frieder Rädlein bedauerte diese politische Entwicklung sehr. Denn die DDR-Renntechnik war damals international konkurrenzfähig. «Es war schon ein gewaltiger Einschnitt. Es gab danach keine Einladungsrennen mehr. Aber es nützte nichts, und wir haben uns ganz schnell auf das Machbare konzentriert », sagt er und wirkt auf einmal ganz ernst. Das Machbare, das waren der Formel-Rennsport der DDR und die Pokalwettbewerbe, die unter den damaligen sozialistischen Ländern ausgefahren wurden.

Für die Russen nach Monza
1967, sechs Jahre nach dem Bau der Mauer, übte das Schicksal Wiedergutmachung. Der inzwischen 32 Jahre alte Rädlein durfte die legendäre Rennstrecke in Monza besuchen. Das Modell 64 von Melkus, in der Szene liebevoll «die Zigarre» genannt,war auch im sozialistischen Ausland immer noch sehr begehrt. Die sowjetische Mannschaft gehörte zu den wichtigsten Abnehmern der schnellen Zweitakter aus Dresden. 1967 kauften die Sportfreunde aus dem «Grossen Land» gleich mehrere dieser Melkus-Modelle, um damit in Westeuropa zu starten. Die Russen bestanden darauf: «Für den ersten Einsatzwollen wir einen kompetenten Techniker des Herstellers zur Seite haben. » Die Rennkameraden der kommunistischen Supermacht zeigten auf Frieder Rädlein. Der fähige wie sympathische Melkus- Meister bekam so mit Hilfe der Sowjetbehörden ohne Probleme Pass und Visum für die sonst unmögliche Dienstreise nach Italien. Die Jahre1968 und 1969 haben sich ebenfalls besonders ins Bewusstsein des rennbesessenen Sachsen eingeprägt. Sommer 1968, da ging es zum Rennen ins tschechische Piestany. Ein Gewittergusshatte eine Senkeder Piste dort blitzschnell unter Wasser gesetzt. Gegen das Aquaplaning hatte Frieder Rädlein keine Chance. Seine silberne Zigarre kreiselte unlenkbar von der Strecke, prallte frontal gegeneinen Kirschbaum, bohrte sich ins Wurzelwerk und stellte sich mit dem Heck senkrecht am Stamm auf. Rädlein wurde aus dem Cockpit katapultiert und zog sich schwere Beinverletzungen zu. Im Krankenhaus der tschechischen Rennstadt gab man sich mit ihm alle erdenkliche Mühe. Aber die medizinischen Standards liessen rasch den Wunsch wachsen: «So schnell wie möglich heimfahren.» Frieder Rädlein schüttelt kurz den Kopf und fügt an: «Ich frage mich heute noch, wie wir das geschafft haben.» Er bettete sich mit seinen Gipsverbänden auf den Rücksitz seines Wolga, und seine Frau lenkte das Gespann mit dem Rennwagen auf dem Hänger in Richtung Dresden. Da begannen die Schwierigkeiten erst richtig.

Weltpolitik stoppt Rennen
In jenen schwülen Augusttagen des Jahres 1968 hatte in der damaligen Tschechoslowakei die Protestbewegung «Prager Frühling» die Armeen des Warschauer Paktes auf den Plan gerufen. Alle wichtigen Strassen der CSSR waren von sowjetischen und tschechischen Panzern blockiert. Auf Irr- und Schleichwegen fand der lädierte Frieder Rädlein letztlich vorbei an unzähligen Panzerkolonnen und Absperrungen den Weg nach Hause. Anfangs hatte er die Hoffnung, im Herbst auf der Dresdner Spinne, seinem Heimrennen, wieder anzutreten. Doch sowohl seine Verletzungen als auch die politischen Tatsachen machten seine Hoffnung zunichte. Für die DDR-Oberen blieb die Situation nach den Unruhen in der Tschechei weiterhin unübersichtlich. Alle Grossveranstaltungen wurden deshalb abgesagt. Das galt auch für das Autobahn-Rennen in Dresden-Hellerau. Der grosse Rädlein-Showdown kommt endlich im Jahr danach: Die DDR-Meisterschaft 1969 wird im allerletzten Rennen auf der Hausstrecke in Dresden-Hellerau entschieden. Die drei punktgleich Führenden: Heinz und Ulli Melkus sowie Frieder Rädlein. Die Titelanwärter stehen auch in der ersten Startreihe. Sie gehören zum selben Rennstall und fahren die 1969er-Modifikationen des Melkus 64. Insgeheim weiss jeder, in welchen der drei Wagen wohl die beste Technik verbaut sein müsste. Das im Hinterkopf und nach seinem vielen Pech auf seinem Heimatkurs in den Vorjahren stehen also die Vorzeichen für Frieder Rädlein wieder mal gar nicht so günstig. Doch das Rennfahrerglück trifft diesmal ihn und verlässt seine Chefs: Ulli Melkus, der talentierte Sohn von Heinz, fällt aus; der «Alte» trudelt von der Bahn. Unter tosendem Beifall wird Frieder Rädlein als Sieger abgewinkt und ist zum ersten Mal DDR-Meister der Formel 3. Es gibt kaum jemanden, der ihm diesen lang ersehnten, verdienten Erfolg nicht gönnt. Ab 1970 war Frieder Rädlein dann in Sportwagenrennen unterwegs. Mit seinem dunkelgrünen Melkus RS 1000 mit der Startnummer 14 konnte er noch dreimal die vom ADMV ausgeschriebene Bestenermittlung gewinnen und sich in der kurzen, aber exklusiven Liste der besten Sportwagenfahrer der DDR verewigen. Seine Zweikämpfe mit JoachimAnger sind vielen Zuschauern noch bestens in Erinnerung.

Rückzug aus Rücksicht
Nach der 1974er-Saison machte Frieder Rädlein in seinem beruflichen wie sportlichen Leben einen radikalen Schnitt. Er hängte den Helm an den sprichwörtlichen Nagel und beendete gleichzeitig seine Arbeit in der Rennwagenschmiede. Ulli Melkus hatte nämlich sein Maschinenbaustudium beendet und übernahm gemäss der internen Planung des Familienbetriebes die Verantwortung für die Fertigung des Sportwagens RS1000. Bis zur Rahmennummer 55 war das der Jobvon Frieder Rädlein gewesen. Um das gute Verhältnis zur Familie Melkus nicht zu gefährden, nahm er seinen Hut. So behielt er sich seinen Frieden und blieb bis zum heutigen Tag ein guter Freund des Hauses Melkus. Seine Liebe zu Tieren, besonders zu Pferden, trieb Frieder Rädlein vor die Tore Dresdens in die verträumte Gemeinde Wittgensdorf, wo er sich fortan um die PS von Traktoren und sonstigen landwirtschaftlichen Geräten kümmerte. Ab 1985 startete er beruflich noch einmal durch und machte sich mit einem Taxibetrieb selbständig. Als Taxifahrer erlebte er auch den Mauerfall 1989. Rädleinwar auf der Rückfahrt von einer Tour nach Berlin, als er die Nachricht hörte. Anfang der 1990er erweiterte die Familie das Unternehmen um einen Reisebusbetrieb. Bis zur Jahrtausendwende war Frieder Rädlein mit seinem Bus unterwegs und lernte all die schönen, reizvollen Gegenden Europas kennen und schätzen, die er vor dem Fall der Mauer nicht besuchen durfte.

Autor: Hendrik Medrow
Monika Kahle Monika Kahle » 22.01.2012, 17:49 Uhr  #1

Wir waren auch 2003 bei der Veranstaltung zu Ehren des 75. Geburtstages von Heinz Melkus auf dem Schleizer Dreieck. Es war sehr beieindruckend. Selbst hatten wir zu DDR-Zeiten einen RS 1000 und nach der Wiedervereinigung ist das Lueckendorfer Bergrennen immer aktueller Bestandteil im August. Frieder Rädlein ist mit auch persölich als sehr symphatischer Rennfahrer bekannt.

MOTORSPORT aktuell