Von MSa-Reporer Martin Gruhler und Reiner Kuhn
Nachwuchstalente eifern Ross Brawn und Adrian Newey nach. Tempo ist dabei nicht alles. Beim Wettbewerb «Formel 1 in der Schule» führt der Erfolg über den Mix Technik, Marketing und Teamwork.
Le-Mans-GT2-Sieger Marc Lieb steht in der zweiten Reihe und staunt. «Was die Jungs und Mädels hier draufhaben, ist gewaltig», sagt der Porsche-Pilot, während sich in der Lern- und Erlebniswelt «Experimenta» in Heilbronn bei der Südwestdeutschen Meisterschaft von «Formel 1 in der Schule» ganz vorne an der Piste der Motorsport-begeisterte Nachwuchs drängt.
«Heute bin ich vor allem Rennfahrer. Aber ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich in meiner Jugend getüftelt und rumprobiert habe. Eine tolle Zeit“, weiss der 30-jährige Ludwigsburger. Neben DTM-Audi-Pilot Martin Tomczyk ist Lieb einer der Ehrengäste beim Motorsporttag im «Experimenta Science Center».
Endziel Weltmeisterschaft
An ihren kleinen Rennern machen die Schüler nicht nur Feintuning. Die komplette Konstruktion mit 3D-CAD-Software und obendrein die Organisation der Renneinsätze haben die jungen Adrian Neweys und Ross Brawns in Eigenregie übernommen. Die Herausforderung für die 16 teilnehmenden Teams ist gross. Das Siegerteam qualifiziert sich für die Deutsche Meisterschaft Ende Mai in Paderborn und kann bei einem Erfolg dort auch noch an der Weltmeisterschaft teilnehmen.
«Die wird wie im vergangenen Jahr in Singapur erneut bei einem F1-Grand Prix eingebettet», zeigt sich Ausrichter Armin Gittinger stolz. Der Siemens-Manager hat die Idee aus England übernommen und leitet die gemeinnützige Gesellschaft, die den Wettbewerb durchführt: «Es geht darum, junge Leute für Technik zu begeistern.» Insgesamt nehmen weltweit mehrere tausend Teams an «F1 in Schools» teil, rund 150 aus Deutschland.
Moderne 3D-CAD-Software im Einsatz
Wie im richtigen Rennsport gilt es, ein wettbewerbsfähiges Gesamtpaket zu schnüren. Eine Hauptaufgabe ist die Konstruktion eines Rennwagens. Bleistift, Lineal und Zirkel sind dabei von gestern: Mit moderner 3D-CAD-Software, die Solide Edge/Siemens kostenlos zur Verfügung stellt, wird das Fahrzeug am Computer entwickelt und im zweiten Schritt mit einer CNC-Fräsmaschine aus Balsaholz gefertigt. Die Räder müssen aus PVC, die Achsen aus Metall sein. Erstaunlich für ältere Semester: Technische Kenntnisse, um ein solches Projekt zu stemmen, erlangen die Schüler heute schon ab der achten Klasse der Realschule.
Das Reglement ist eng abgesteckt. Unter anderem darf der Renner nicht weniger als 55 Gramm wiegen. Dem Animus-Team gelang es, den Wert um 8,5 Gramm zu unterbieten und das Gewicht mit Metallgewebeband F1-like zu zentrieren.
Mit Gewichtoptimierung zum Rennsieg
Prompt gewannen die pfiffigen Schüler des Gottlieb-Daimler-Gymnasiums aus Sindelfingen das Rennen. Das Team war zum zweiten Mal am Start, nachdem es 2010 noch Lehrgeld gezahlt hatte. «Im letzten Jahr hatten wir das Auto noch zu schwer lackiert», erläutert Steffen Rebmann, der «Resourcen-Manager» im jungen Quartett. «Um das Gewicht zu optimieren, haben wir nun auch das innere Material der Räder herausgefräst.»
Teammanager und Chefkonstrukteur Tim Dahlke sowie Fertigungsingenieur Dominik Schweizer sind stolz: «Jetzt fahren wir mit Kugellagern, nutzen einen optimierten Frontspoiler und einen Diffusor.»
Eine Patrone als Motor
«Angetrieben werden die Renner von Gaspatronen, ähnlich wie sie beim Sahnesprühen zum Einsatz kommen», erläutert Tobias Gross, der IT-Spezialist im Animus-Team, der das Auto beim Wettbewerb startet. Nach nur 1,2 Sekunden ist die 20 Meter lange Strecke absolviert. Auch die Reaktionszeit des Starters ist dabei ein wichtiger Faktor. Doch nicht nur die Pfiffigkeit der Konstruktion entscheidet über den Gesamtsieg. «Neben der technischen Herausforderung müssen die Teams eigene Sponsoren finden, eine eigene Finanzplanung aufstellen und sich über Marketing und Medienarbeit anbieten», erklärt Gittinger.
Das Sindelfinger Animus Team hat einen interessanten lateinischen Begriff für sein Rennprojekt gewählt: «Animus steht für Selbstvertrauen, Entschlossenheit, Mut, Herz und Verstand», erklären die 17-jährigen Schwaben. Das grosse A des Begriffs ist gestylt wie das Logo eines Autobahnzeichens. Ihre Fahrzeuge präsentieren die in einheitlichen Teamshirts gekleideten Nachwuchs-Motorsportler im Fahrerlager zumeist in fein konzipierten Stellboxen. Eines der drei identischen Rennautos jedes Teams bleibt übrigens beim Veranstalter.
Unterstützung aus der «echten» Formel 1
Auch Mercedes-Rennleiter Norbert Haug unterstützt die Initiative «Formel 1 in der Schule» und sieht sie als ideales Projekt, um Schülern eine Ingenieurskarriere in der Formel 1 in Aussicht zu stellen. Vielleicht werden die benachbarten Animus-Jungs sich bald schon bei ihm vorstellen.
In der Gesamtwertung hatten diesmal jedoch andere die Nase vorn. Weil das Erstellen einer attraktiven Präsentationsmappe in das Endergebnis ebenso mit einfloss.
Autor: Martin Gruhler und Reiner Kuhn













