Jeroen Bleekemolen: Hintergrund: Der Steuer-Künstler

Am Wochenende verteidigte Jeroen Bleekemolen mit den Plätzen 3 und 2 seinen Titel im Porsche Supercup. An Vielseitigkeit ist der Niederländer kaum zu überbieten: Der Allrounder kommt 2009 auf 44 Rennen in zehn Serien, neun weniger als im Vorjahr.

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Auto: Im Konrad-Porsche-997 den Supercup-Titel verteidigt

Auto: Im Konrad-Porsche-997 den Supercup-Titel verteidigt.

Auto: Im Konrad-Porsche-997 den Supercup-Titel verteidigt.

«Weniger ist mehr», jenes geflügelte Wort des legendären Bauhaus-Architekten Ludwig Mies van der Rohe gegen sinnstörenden Überfluss – es trifft nicht für Jeroen Bleekemolen zu: «Je mehr Rennen, desto besser », lautet sein Credo. Dass es in dieser Saison nur 44 Rennen sein werden, liegt auch an der unsicheren Situation der Nationenserie A1 GP:«Wir wissen nicht genau, wie es damit weitergeht», sagt Bleekemolen, der im Nationalteam von Ex- Formel-1-Pilot Jan Lammers bislang das kräftige Orange der Niederlande vertreten hatte. «Wann mein letztes freies Wochenende war? Am 3./4. Oktober, gar nicht so lange her.» Was war da los, Herr Bleekemolen? Ist Langeweile aufgekommen? Bleekemolen: «Keineswegs. In Zandvoort habe ich einen Audi R8 getestet.» 24 Strecken hat Bleekemolen in dieser Saison besucht; auf keiner fährt er so oft wie in Zandvoort. Nur wenige Kilometer entfernt in Aardenhout ist er aufgewachsen. Oft hilft er seinem Vater Michael (ein GP-Start 1978 auf ATS) bei Incentive-Veranstaltungen. 100 Autos haben die Bleekemolens im Fuhrpark. Vom Formel-Flitzer bis zum hochkarätigen Ferrari. Jeroen Bleekemolen ist ständig unterwegs. Seit 1. Januar lebt er in Monte Carlo, wie so viele andere Rennfahrer – wenn er denn mal wirklich in den eigenen vier Wänden ist. Kein Wunder, dass er fast nie seinen Nachbarn begegnet: «Ich wohne im gleichen Haus wie Ellen Lohr», sagt er und lacht, «das haben wir erst jetzt herausgefunden, seit sie mit mir im Araxa-Team im Carrera-Cup fährt.»

Nicht nur Cup-Spezialist
Auf den Sechszylindern aus Zuffenhausen ist Bleekemolen ein wahrer Spezialist. Im nationalen Carrera Cup wurde er nur von Thomas Jäger geschlagen. Aber: vier Siege. Im Supercup-Team von Franz Konrad machte er nun gegen René Rast alles klar (siehe S. 22): vier Siege. Aber nur ein Cup-Experte? Nein. «Ich bin in jedem Auto schnell», sagt er von sich. Vom 600 PS starken A1-GP-Monoposto bis zur skurrilen Shelby Can-Am-Flunder, die er bald in Kyalami steuern wird. «In dieser Saison bin ich auf zehn verschiedenen Autos gefahren.» Zehn verschiedene Autos, zehn verschiedene Serien, 24 verschiedene Rennstrecken.

Jetzt auch in der DTM schnell
Auch in der DTM ist Bleekemolen unterwegs gewesen, zwei Jahrelang für Opel, zuletzt in Le Mans 2006 als Aushilfspilot im Kolles-Team.«Wenn ich jetzt in die DTM zurückkehren würde », sagt der Allrounder, «wäre ich auf Anhieb schnell», und verweist auf die Entwicklung, die jeder Pilot macht, wenn er viel zum Fahren kommt – egal, mit welchem Auto. «2008 bin ich viel gewechselt zwischen Supercup und A1 GP. Hat es meine Leistung beeinträchtigt? Nein.» Er habe noch nie gemerkt, dass man für ein anderes Auto den Fahrstil variieren müsse, «einfach spät bremsen, aber nicht zu spät, sondern den Speed schön mit in die Kurve nehmen», sagt er, ganz unbekümmert. Nur NASCAR-Piloten kommen auf mehr Einsätze – vorausgesetzt, sie bestreiten noch weitere Rennen in Nebenkategorien. Aber DTM-Fahrer sind im Vergleich zu Bleekemolen arme Hunde – nur zehn Starts im Jahr. «Die haben so viel Zeit», bedauert auch Bleekemolen die Lage, «alle würden lieber viel mehr Rennen fahren. Mattias Ekström gibt da ein gutes Beispiel. Dem sind die zehn Rennen auch zu wenig.» Kein Dutzend Läufe – aber jeder Werksfahrer ist heilfroh, diesem elitären Kreis anzugehören. «Ging mir ja auch so», sagt Bleekemolen, «bis ich Ende 2004 bei Opel kein DTM-Cockpit mehr hatte.» Der Deal damals mit Rover war in trockenen Tüchern – doch die DTM-Ambitionen der englischen Marke ging letztlich schnell in der Konkursmasse unter. Aber statt aufzugeben oder in Vaters Firma zu arbeiten, gab er am Telefon Vollgas: «Ich nutzte jeden Kontakt.» Diese Attitüde, sich nicht nach dem höchsten, sondern nach dem erreichbarsten Ziel zu strecken, setzte er bereits zu Beginn seiner Karriere erfolgreich um. Obwohl der 18-jährige Bleekemolen bei seinem Debüt in der Formel-3-DM1999 in Zolder auf der Pole-Position stand, blieb seine Saison erfolglos: «Im folgenden Winter traf ich die Entscheidung, nicht auf eine Formel-1-Karriere zu spekulieren. » Stattdessen siegte er im frontgetriebenen Renault Clio ebenso wie mit Landsmann Mike Hezemans auf der PS-gewaltigen Viper in der FIA-GT-Meisterschaft Selbst mit kurzfristigen Angeboten hat Bleekemolen kein Problem. Anstatt mit gebotener Vorsicht erst mal bei einem Test das Fahrverhalten des Boliden in seinen Grenzen auszuloten, legt Bleekemolen gleich los. «In Assen, Anfang August, ich hatte gerade das A1-GPAuto demonstriert, wurde ich gefragt, ob ich nicht in der Benelux Racing League starten wollte. Klar – wo ich doch schon mal da war.»Mit dem Silhouetten- Renner belegte Bleekemolen vom letzten Platz noch Rang 4. Längst kann Bleekemolen gut von der Rennerei leben. Die Facetten des Sports, er hat sie auch im finanziellen Bereich erlebt. «In der A1-GP-Serie habe ich lieber gleich eigene Sponsoren mitgebracht. Auf das Preisgeld wartet das Team noch heute. » Wie viele A1-GP-Teams. Bleekemolen startete seine Karriere standesgemäss im Kart, zog aber nie eine konsequente Kart-Karriere durch, wie so viele andere. «Ich kann nicht nachvollziehen, wie viel Geld manche Eltern in den Kartsport ihrer Kids investieren. » Bleekemolen war bescheidener – und hatte dennoch Erfolg: Bei der Junioren-WM 1996 startete Ryan Briscoe von der Pole, Alonso holte den Titel – und ich wurde Vierter.» Der A1-GP-Renner mit dem Ferrari-Motor sowie der Porsche RS Spyder ragen aus der Fülle der Rennwagen, die er bislang gefahren hat, heraus: «Wunderschön zu fahren», schwärmt Bleekemolen vom Porsche, «nach zweieinhalb Stunden steigt man aus, als wäre nichts gewesen. Alles ist so leicht zu bedienen, so einfach. Leider haben die LMP2-Autos zu wenig Power.» DasA1-Gerät hingegen verlangt mehr vom Fahrer, «weil es keine Servolenkung, aber sehr viel Downforce hat.» «Wenn die Kämpfe auf der Piste schön sind, dann ist es doch ganz egal, wo man fährt», beteuert Bleekemolen. Und so startete er in der vergangenen Saison noch einmal im Clio Cup, wo er schon seit Jahren nicht mehr angetreten war.

Abenteuer Panamericana
Dabei muss es nicht stets nur die Rundstrecke sein. Im Vorjahr bestritt er in einem alten Porsche 356 die Carrera Panamericana, quer durch Mexiko, «unglaublich schön, eine richtige Vollgas-Rallye für Oldtimer, aber irrsinnig gefährlich. Von 160 Autos wurden wir 22.» 2010 ist er wieder dabei. Um sein intensivstes, schönstes Motorsport- Erlebnis zu nennen, kommt Bleekemolen noch einmal auf den A1 GP zurück: «Zandvoort 2006. Erst zwei Tage vor dem Rennen bekam ich den Drive, weil Jos Verstappen vorab eine Million Euro verlangt hatte. Teamchef Jan Lammers hat abgelehnt, also war ich dran. Zehnter im Training, aber im Regen fuhr ich an die Spitze, vor 150000 Zuschauern. Und alle ganz in Oranje gekleidet. Was für ein Erlebnis. Unglaublich.» Nur eine falsche Reifenstrategie vereitelte den Heimsieg, «aber alle Zeitungen brachten mich auf Seite 1». Auch wenn die Formel 1 seit zehn Jahren abgehakt ist, ist Bleekemolen anderen Kategorien aufgeschlossen. Indy 500, NASCAR, vor allem aber die 24h von Daytona stehen auf seiner Wunschliste: «Wieso nicht? Ich habe gezeigt, dass ich auf allen Autos schnell bin.» Nur ein Angebot hat Bleekemolen zuletzt abgelehnt: 250-ccm-Superkarts mit 100 PS. «Die Nummer ist zu heiss. Mit diesen Biestern müsste ich doch erst mal testen gehen.» Da ist weniger dann doch mehr.

Autor: Gregor Messer
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