Von MSa-Reporter Heinz Prüller
Jochen Rindt ist der einzige Formel-1-Fahrer, der posthum Weltmeister wurde. Am 5. September jährt sich sein Todestag zum 40. Mal. Erinnerungen an einen der tragischsten Tage in der Königsklasse des Motorsports.
Freitag, 4. September: Um 14 Uhr, eine Stunde vor Trainingsbeginn, steigen Jochen Rindt (28), Gattin Nina (23) und Manager Bernie Ecclestone (39) im Fahrerlager von Monza aus ihrem BMW. Fast gleichzeitig ist der Lotus-Transporter eingetroffen. Die Gesichter der Mechaniker grau und gealtert. «Seit Montag haben wir in keinem Bett mehr geschlafen, weil wir einen dritten Lotus 72 für Fittipaldi zusammenbauen mussten.» In Jochens Auto sind die Bremswellen, verrät mir Teamchef und Konstrukteur Colin Chapman, seit bereits 31 Stunden Rennen und Training unverändert die gleichen. Das erste, was auffällt: Jackie Stewart (Tyrrell) und Denny Hulme (McLaren) fahren ohne Heckflügel, weil in Monza jeder Stundenkilometer zählt. Von Zeltweg-Messungen beim Österreich- GP Mitte August weiss ich: Die Ferrari haben 15 km/h mehr Topspeed als Lotus.
Rindts Zweifel am Auto
Darum lässt Chapman den Dreistufenheckflügel abmontieren. Der Lotus 72 sieht seltsam nackt aus. Aber Jochen berichtet: «Unglaublich, der Wagen läuft ohne Flügel auf der Geraden fast 800 U/min schneller. Ich stoss fast überall am Drehzahllimit an.» Das Getriebe muss viel länger übersetzt werden – aber erst Samstag. «Ist alles okay – ohne Flügel?» fragt Bernie. Jochen nickt: «Überhaupt kein Problem. Ich kann spielend 1:23,2 fahren, brauch dazu nicht mal einen Windschatten.» Ich treffe Jochen zum täglichen Radiointerview hinter den Boxen. Zufrieden ist er mit P6: «Dabei hab ich noch gar nicht den wirklich guten Motor drin, sondern noch den vom Rennen in Oulton Park. Der neue kommt erst fürs Abschlusstraining rein. Und ich hab einen zweiten Bordfeuerlöscher eingebaut. Jetzt ist der Lotus endlich sicher.» Freitagabend muss Rindt zu einer Preisverleihung nach Mailand. In Monza wird später weiter diskutiert. Der nächstjährige Formel-1-Vertrag mit Chapman, das eigene Formel-2-Team, für das Rindt und Ecclestone für 1971 das Duo Emerson Fittipaldi / Helmut Marko verpflichtet haben und zahllose geschäftliche Möglichkeiten, wie eine eigene Fashionlinie. «Ich möchte Weltmeister werden und der grösste Name im Motorbusiness », sagt mir Jochen. «Was hältst du davon, ohne Lärm zu gewinnen?» fragt er mich lauernd. Und verrät mir alles über den Turbinen-Lotus, dessen Einsatz sogar schon für Monza kurz angedacht war – aber es bleibt beim Lotus 72.
Formel 1 · Rindt · Tod · Hintergrund
Reichlich böse Vorahnungen
Über Monza liegt immer ein Schatten, seit Graf Trips 1961 philosophiert hat: «Auf mich wirkt dieser Park immer beklemmend düster.» Auf mich, ganz ehrlich, meist auch – sogar im heissen Sommer 1970. Der damalige, heute unvorstellbare Blutzoll in der Formel 1 forderte zwei bis drei Tote jedes Jahr. Bis zum Spätsommer 1970 sind schon Bruce McLaren Piers Courage tödlich verunglückt. Für den risikofreudigen Rindt galt anfangs: «Wenn er am Leben bleibt, wird er Weltmeister. » Aber er fährt schon lang nicht nur mit dem Gasfuss, sondern auch mit Herz und Hirn: «Ich weiss, dass ich heute so gut bin, dass ich keinen Fehler mach. Aber ich weiss nicht, was ich noch tun kann, wenn etwas am Auto bricht.» Seine anfängliche Skepsis gegen den revolutionären Lotus 72 mit den innenliegenden Bremsscheiben und den dünnen, hohlen Bremswellen («Ich bin mir ziemlich sicher, dass mit diesem Auto etwas schief geht.») ist nicht verflogen, aber durch die aktuelle Siegesserie überstrahlt. Trotzdem schlägt er seinem genialen wie risikofreudigen Boss Chapman vor: «Bitte mach die Bremswellen stärker! Und ich verpflichte mich dafür vertraglich, für eine gewisse Zeit zwei oder drei Kilo abzunehmen.»Aber er sagt ihm auch: «Ein Affe hätte mit deinem Auto gewonnen, Colin!» Und dann dieser Satz von Jochen, den ich mir ewig merken werde: «Mein Glück in diesem Sommer fängt an, mich zu beunruhigen. » Vier Siege hintereinander – damals absolut unüblich. Es ist keine griechische Tragödie, die sich zuspitzt, aber: Irgendwas liegt in der Luft. Samstag, 5. September: Jochen kommt um 10 Uhr im Hotel de la Ville an der Strassengabelung Mailand/Monza zum Frühstück. Nina wäscht den Monza- Staub aus ihrem Haar und folgt erst um 12 Uhr nach. John Miles, die Lotus- Nummer-2, erinnert sich an seinen Defekt von Zeltweg: «Ich mach mir Sorgen um die Bremswellen.» Rindt ist alarmiert:«Wie konntest du das Auto auf der Strasse halten?» Weil Miles, als die Halbwelle abriss, nicht von 320 auf 120, sondern nur von 180 auf 160 km/h runterbremsen musste. John fragt Jochen: «Wie kannst du in der Parabolica scharf bremsen, wenn du weisst, dass vielleicht etwas brechen kann?» Die sachliche Rindt-Antwort: «Weil sich der Wagen dann sofort querstellt und erheblich an Geschwindigkeit verliert.» 13 Uhr im Autodromo, zwei Stunden vor dem Quali-Beginn. Jochen stimmt mit Bernie überein: «Du versuchst am Anfang keinesfalls schnell zu sein. Schiebe die Zeitenjagd bis zum letztmöglichen Moment hinaus. Wenn du unter den ersten sechs bist, genügt das. Du kannst am Start Sechster sein und nach der ersten Runde führen – oder umgekehrt. Das Letzte, das du dir in Monza wünschst: Vorne zu sein, denn keiner will den Pulk hinter sich herschleppen.» Jochen nickt: «Man kann auf Windschattenstrecken das Spiel um die Pole-Position immer weiter treiben – aber das ist nicht sinnvoll.»
Die tödliche fünfte Runde
Im Monza-Park herrscht Treibhausatmosphäre. 80000 Tifosi stürmen die Tribünen. Um 14.15 Uhr kommt Jochen ins Fahrerlager, geht kurz ins Lotus-Camp, dann in die Box. Wilder Beifall. «Rin-t! Rin-t!» – wie immer in Monza. Jochen lächelt und winkt, schreibt sein letztes Autogramm für ein 14-jähriges Mädchen und spricht in die Kamera seine Begrüssung für unsere TV-Sendung Motorama, als der Lärm immer lauter wird. «Hört euch das an. Wenn man nix versteht, komm ich nachher zurück und red das ganze nochmals», sagt er zu uns. Seine letzten Worte gelten zufällig seinem langjährigen Formel-2-Mechaniker Pete Kerr: «Ich muss gehen.» Wie immer steigt Rindt mit dem linken Fuss zuerst in den Lotus. Nach der ersten Runde (1:40,78) passiert Jochen Start und Ziel im Windschatten von Hulme. Die zweite fährt er, wie ich von Ninas Stoppuhr ablesen kann, in 1:27,59, die dritte in 1:27,24, die vierte in 1:26,75. Nach der zweiten Lesmo-Kurve überholt er dann Hulmes McLaren, schiesst durch die Unterführung, durch die Vialone und taucht in die Bremszone der Parabolica – wo 1961 Graf von Trips nach der Kollision mit Jim Clark starb. Es ist 15.20 Uhr, als plötzlich der Blitz einschlägt. Hulme fährt fast die gleiche Geschwindigkeit wie der Lotus, sieht das Unglück also wie in Zeitlupe ablaufen: Als der Neuseeländer langsam an die Box rollt, fährt er nicht zu McLaren vor, sondern hält bereits bei Lotus – was ringsum sofort Angst und Panik auslöst. Hulme leise zu Chapman und Ecclestone: «Es muss etwas passiert sein, denn Jochens Auto brach nach einigen Schlängelbewegungen nach links aus, direkt in die Leitplanken.» Und Jochen? «Der ist alright… hoffe ich...» Der Motorenlärm ist längst verstummt. Stewart, mit bleichem, spitzem Gesicht, ist als Erster bei Nina. Rindt sei selber ausgestiegen, lügt der Streckensprecher. Ich stehe hilflos in der Box und spüre heute noch, wie mir eiskalt wird. Plötzlich bewegt sich das starre Bild: Bernie Ecclestone rennt los. So schnell, dass er die Parabolica früher erreicht als der jüngere Lotus-Mechaniker Eddie Dennis. Er will Jochen zu Hilfe kommen und glaubt ausserdem, «dass es jetzt die beste Zeit ist, nach dem Auto zu schauen». Bernie nimmt Jochens weissen Vollvisierhelm auf, einen Schuh und einen Teil der Radaufhängung, den er hinter dem Rücken der Streckenposten an Eddie weitergibt.
Im Rettungswagen verblutet
Jochen hat immer gefürchtet, «dass ich bei einem Feuerunfall nicht rechtzeitig aus dem Auto komm» – und darum nur den Brustgurt, aber nicht die Oberschenkelgurten festgezogen. Er ist beim Anprall durchgerutscht: Hauptschlagader am scharfen Armaturenbrett tödlich verletzt. Und beiden archaischen Sicherheitsvorkehrungen in Monza hat der arme Kerl keine Chance: kein Rettungshubschrauber, keine richtigen Ärzte, nur ein Militärzelt und das totale Verkehrschaos im Monza-Park. Jochen Rindt, der schnellsteFormel-1-Pilot seiner Zeit, verblutet im Krankenwagen, auf der stockenden Fahrt ins Niguarda-Spital. Wie ich an diesem Albtraum- Samstag meinen Zeitungsbericht ins Telefon diktieren und aus der Lotus-Box eine Liveschaltung fürs Fernsehen machen konnte, weiss ich heute nicht mehr. Tags darauf den ersten Grand Prix ohne Rindt übertragen zu müssen, war fürchterlich. Österreich hatte sein Nationalidol verloren, der Grand-Prix-Sport seinen grössten Champion und ich den besten Freund. «Das einzige, was Jochen in seinem Leben wirklich gewollt hat», sagt Nina später, «war, Weltmeister in der Formel zu werden. Traurig, dass er es nie erfahren hat.»
Autor: Heinz PrüllerSehr guter Kommentar von Heinz Prüller.
Er hat damals alles life miterlebt, ich als damals noch judendlicher konnte es kaum fassen.
Das Fernsehen hat sogar in der Sportschauf darüber berichtet! Warum? Weil es einen tödlichen Unfall gab.
Ansonsten hat man damals mit Autorennen in der Sportschau nichts am Hut gehabt. Kaum etwas hat mich seitdem mehr bewegt als dieser Unfall, und ich habe seither jedes Forml 1 Rennen gesehen, bis heute, live oder halt im TV.
Ich bin stolz darauf, noch ein Origina Autogramm von Jochen Rindt zu besitzen, ein Portrait von ihm, als Kohlezeichnung gemalt, wo Jochen mit einem Kugelschreiber unterschrieben hat.
Jemand hat einmal gesagt: Es kommt nicht darauf an, wie alt man wird, sondern was man in seinem Lemben, und wenn es noch so kurz ist, geleistet hat. Jedenfalls so ähnlich.
Ich bin stolz darauf, ihn damals habe fahren zu sehen.
Heinz Prüller ales Gute weiterhin.
Heinz-Dieter Wiesner
Vor 40 Jahren verlor ich mein Idol.
Ich habe nie wieder eins gehabt....
es ist auch 40 Jahre nach diesem Unglück immer noch beklemmend, wenn man die Ereignisse von damals nachliest. Die Dokumentationen, die im Fernsehen liefen, führen einen erst wieder vor Augen, wie gefährlich der Rennsport zu der damaligen Zeit noch war. Diese Fahrer von damals verdienen unseren Respekt, den Mut zu haben, trotzdem sie wissen, wie gefählich es ist, so Rennwagen zu fahren. Immer am Limit, und immer zu wissen, wenn die Technik versagt, kann es tödlich enden. Heute ist das Risiko auf ein Minimum reduziert, Gott sei dank. Obwohl auch heute dieser Sport immer noch gefährlich sein kann.
Vielen Dank für den sehr interessanten Artikel. Ich frage mich, ob Rindt überlebt hätte, wenn er nach den ersten Schlängelbewegungen des Lotus sofort von der Bremse gegangen wäre und den Wagen in einen Dreher gezwungen hätte... immerhin waren ja schon damals hinter der Parabolica einige Meter Auslaufzone.







