Jörg Bergmeister: Der grosse Musterfahrer

Von MSa-Reporter Gregor Messer
Der erfolgreichste deutsche Rennfahrer in den USA ist Jörg Bergmeister. Er fährt in seinem zehnten Jahr jenseits des Atlantiks. Neben sportlichem Erfolg hat er in Nordamerika auch sein persönliches Glück gefunden.

Bilder
zurück Bild 1 von 5 weiter

Fünfmaliger ALMS-Champion in der GT-Klasse: Der Grand-Am-Champion von 2006 ist der erfolgreichste deutsche Pilot in den USA

Fünfmaliger ALMS-Champion in der GT-Klasse: Der Grand-Am-Champion von 2006 ist der erfolgreichste deutsche Pilot in den USA

Diesmal also kein Sieg: In Lime Rock beim dritten Lauf zu den American Le Mans Series steuert Jörg Bergmeister den Porsche 911 GT3 RSR an zweiter Stelle über die Linie. Dennoch: Es ist das beste Saisonresultat für ihn und Patrick Long im rot-silbernen Auto von Flying Lizard. In den vergangenen fünf Jahren hat Bergmeister die malerische 2,5-km-Strecke im Nordosten Connecticuts stets als GT-Sieger verlassen. Mit einem sechsten Sieg in Folge «hätten wir noch Chancen auf den Titel». So ist der zweite Platz aber auch ein gutes Resultat. Und noch sind sechs Meisterschaftsläufe zu fahren.

2011 läuft nicht nach Wunsch. «Ein bescheidenes Jahr», sagt Bergmeister, «zufrieden bin ich nicht.» Die Siegfähigkeit der Porsche darf angezweifelt werden – im allgemeinen Rahmen der Balance of Performance schienen BMW mit dem M3 und Chevrolet mit der Corvette das geschicktere Händchen in puncto technische Zugeständnisse gehabt zu haben. «Ferrari hat mit dem neuen 458 Italia einen guten Job gemacht», konstatiert Bergmeister, «das ist der Level, auf dem wir uns messen.»

Guter Entwickler

Ein besonderes Gefühl der Ungerechtigkeit empfindet Jörg Bergmeister darüber jedoch nicht: «Man kann immer klagen.» Doch er schränkt ein: «Wir haben hier fast eine Sekunde im Training aufgebrummt bekommen – auf einer 51-Sekunden-Strecke. Daran sieht man, dass das Kräfteverhältnis nicht mehr stimmig ist. Hoffentlich bekommen wir das gerade gerückt.» Er nimmt es, wie es kommt.

«Jörg ist eigentlich viel zu bescheiden», wirft sein Partner Patrick Long ein, «er wird unterschätzt. Jörg kann mehr als nur schnell Auto fahren.» Long, der kalifornische Sunnyboy, fährt nunmehr im dritten Jahr mit Bergmeister bei Flying Lizard. «Nicht nur was das Fine-Tuning beim Set-up betrifft, ist Jörg Spitze, sondern auch bei der Entwicklung des Autos.» Was Long nicht verschweigt: «Manchmal kann Jörg für alle eine echte Nervensäge sein. Weil er nie aufhört, das Team zu fordern.»

«Stimmt», sagt Bergmeister, «als ich 2007 zu Flying Lizard kam, haben viele im Team einen kleinen Hass auf mich gehabt – könnte man sagen. Das waren die nicht gewohnt, dass sich ein Fahrer derart einbringt. Aber so was muss sein. Sonst hat man nicht diesen Erfolg.»

Was auch Teamchef Seth Neiman unterstreicht. Der durch diverse Start-up-Unternehmen schwer reich gewordene Business-Mann zahlt sein Hobby angeblich von den Zinsen seiner Erträge. Auf sieben bis acht Millionen Dollar jährlich wird sein Investment in den Rennsport geschätzt, wozu neben der GT-Klasse in der ALMS auch die Langstreckenklassiker in Le Mans und Daytona zählen. «Jeder, der gegen Jörg fährt», sagt der 57-jährige Neiman, «weiss, dass er nie aufhört, Druck zu machen. Das ist auch ausserhalb des Cockpits so. Er hat dem ganzen Team beigebracht, was es braucht, ein Champion zu sein.»

Mehr zum Thema
Manthey fährt mit Timo Bernhard, Lucas Luhr, Romain Dumas und Marc Lieb
Tourenwagen 33 Porsche beim Langstreckenklassiker in der Eifel
VW-Scirocco-Cup Pannen-Premiere vor 35 Jahren

Pendeln zwischen Deutschland und Amerika

Mit Patrick Long versteht sich Bergmeister blind. «Zu Beginn des Jahres legen wir fest, wer wo das Qualifying und den Start fährt. Das hat bislang immer hingehauen.» Seit 2002 fährt Bergmeister fast ausschliesslich in den USA. Trotz seines Engagements dort ist er stets im heimatlichen Langenfeld sesshaft geblieben – und hat sogar seine Frau nach Deutschland geholt: Seit 2005 ist er mit seiner Danielle verheiratet, einem Fotomodell aus Kalifornien. Beide hatten sich einst beim Rennen in Long Beach kennengelernt: Danielle hatte sich ganz zielbewusst für ein Autogramm angestellt. Die gemeinsame Tochter Lucy ist mittlerweile fünf Jahre alt.

Bis zu 15 Mal jährlich fliegt Jörg Bergmeister über den Atlantik – neben den neun ALMS-Rennen stehen immer wieder auch Testfahrten an: Flying Lizard ist auch Entwicklungsteam für Porsche. Darüber hinaus ist er viel in Weissach unterwegs: «Das wird eher mehr als weniger.»

Grosse Rennfahrerfamilie

Bergmeister stammt aus einer Rennfahrerfamilie: Sein Grossvater fuhr Motorradrennen; Vater Willi war in den 1970ern und 1980ern einer der besten Tourenwagenpiloten auf nationalem Level. Bruder Tim hätte eine ähnlich erfolgreiche Karriere einschlagen können, versuchte sich jedoch sehr lange im Formelsport.«Unserem Vater haben wir beide unsere Karriere zu verdanken. Gerade was das arbeiten mit dem Auto betrifft.»

Von Vater Willi stammt auch Bergmeisters Leitspruch: «Nur Siege zählen.» Wenngleich, wie jetzt in Lime Rock, auch ein zweiter Platz schon ganz okay ist. Auch Alwin Springer, Leiter Kundensport von Porsche USA, ist bei Bergmeister stets präsent: «Die fünf P sind wichtig: perfect preparation prevents poor performance», nimmt sich Bergmeister das Mantra zu Herzen: Perfekte Vorbereitung verhindert schwache Leistung.

Mann ohne Idole

Ein Vorbild hat Bergmeister indes nicht – weder Grossvater noch Vater oder Bruder, auch nicht Michael oder Ralf Schumacher. «Früher war es Senna», sagt Jörg, «allein wegen seiner Fähigkeiten im Zeittraining.»

Roland Kussmaul, legendärer Renningenieur bei Porsche und eigentlich schon längst im Ruhestand, erkennt den Bezug: «Jörg kann im Qualifying extrem pushen. Da fährt er über alles drüber, was sich ihm in den Weg stellt.» Auch bei wechselhaften Bedingungen spielt Bergmeister seine Sonderqualitäten aus. Kein Wunder, dass er beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring die schwierige, feuchte Anfangsphase mit Slicks auf dem Hybrid-911 absolvierte. «Bei sowas ist Jörg immer erste Wahl», bestätigt Kussmaul.

Die Freundschaft zu den Schumacher-Brüdern wird weiter gepflegt. Michael absolvierte einst seine Mechanikerlehre im Autohaus Bergmeister. «Montags sind wir immer nach Kerpen zum Trainieren gegangen», erinnert sich Jörg Bergmeister, «keiner fuhr so gekonnt über die Schikanen-Kerbs wie Michael. Er hat uns sehr viel beigebracht.»

2014: Bergmeister mit Porsche nach Le Mans?

Seit 2002 ist Bergmeister Werksfahrer bei Porsche, doch gab es auch eine zweijährige Unterbrechung: 2005/06 musste sich der Lange aus dem rheinischen Langenfeld seine Cockpits selbst suchen. Mit Erfolg: In der GT-Wertung der ALMS wurde er damals ebenso Meister wie 2006 in der Grand-Am-Serie. «Da konnte ich zeigen, dass ich es auch so schaffe. Und bin nicht in ein grosses Loch gefallen, ohne Arbeit.» Er sagt aber auch: «Wenn man sieht, was die Marke Porsche darstellt, welchen Erfolg sie hat, dann ist es schon eine Ehre, dort Werksfahrer zu sein.»

Wird Jörg Bergmeister auch 2014, wenn Porsche in Le Mans um den Gesamtsieg fahren will, dabei sein? «Ich hoffe es. Aber man muss abwarten. Bis dahin liegt bei mir der Fokus zu 100 Prozent auf der Weiterentwicklung des GT-Programms.»

Autor: Gregor Messer
Alle mit einem * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.

Kommentare müssen erst von der Redaktion freigeschaltet werden.

Bitte tragen Sie den Text des Bildes in das Feld ein.

Code nicht erkennbar? Neuen Code erzeugen
Zeichen verbleibend
MOTORSPORT aktuell
Magazin Nr. 11 / 2010
Lesen Sie über: