Von MSa-Autor Heinz Prüller
Juan Manuel Fangio war fast 50 Jahre lang Rekordweltmeister der Formel 1. Am 24. Juni 2011 wäre der Argentinier, der 1995 mit 84 starb, 100 Jahre alt geworden. Einzigartige Erinnerungen an einen unsterblichen Champion
«Ich wollte immer der Erste im Rennen sein, aber der Letzte beim Sterben.» Juan Manuel Fangio, bis zur Schumacher-Ära der siegreichste und berühmteste Autorennfahrer der Welt, würde am 24. Juni 100 Jahre alt – fast am Jahrestag seiner einzigen Niederlage gegen Mercedes-Teamkollege Stirling Moss in dessen englischem Heim-GP in Aintree 1955.
«Ich weiss bis heute nicht, ob ich Fangio wirklich besiegt habe, oder ob er mich gewinnen hat lassen», grübelt Moss noch heute. «Aber Fangio hat mir noch bei unserem letzten Gespräch bestätigt:‹ Nein, ich habe dir den Sieg nicht geschenkt. Es war dein grosser Tag, dein Rennen, und du hast fair und korrekt gewonnen.›»
Typisch Fangio. Menschlich, charakterstark, fair, unpolitisch. Und für einen Rennfahrer seiner Extraklasse keine Spur überheblich, immer bodenständig. Ex-Weltmeister Niki Lauda: «Er hat nie Blödsinn geredet.» Und der frühere Champion Jackie Stewart verrät über die Aura des Mythos Fangio: «Du wusstest, wenn er in einem Raum war – auch wenn du ihn gar nicht gesehen hast.»
Formel 1 · Fangio · Moss · Schumacher
Gigantische Bilanz
Der Sohn eines einfachen Maurers aus Balcarce in Argentinien, der sein Haus selbst baute, hat bei 51 Grand-Prix-Starts eine gigantische Bilanz vorzuweisen: 24-mal gewonnen, also jedes zweite Rennen. Der Maestro, wie Fangio hochachtungsvoll in der Rennszene genannt wurde, startete 28-mal aus der Pole-Position, 48-mal aus der damals gefährlich dicht gedrängten ersten Reihe und drehte 23-mal die schnellste Rennrunde. «Aber ich fuhr fast nie so schnell, wie ich konnte, sondern meist nur so schnell, wie ich musste.»
Juan Manuel Fangio gegen Michael Schumacher: fünf gegen sieben WM-Titel. Aber jeder Vergleich wäre unfair, weil diese Grand-Prix-Superstars aus verschiedenen Welten kamen. Als Fangio fuhr, zerschellten Rennautos an Bäumen und Hausmauern, jeder Ausrutscher bedeutete Unfall, fast jede Kollision Feuer. Wie Jackie Stewart hat auch Fangio einmal eine ganze Nacht wachgelegen. «Ich habe gezählt, wie viele Piloten, gegen die ich gefahren bin, im Rennen umgekommen sind. Piloten, denen ich die Hand geschüttelt, mit denen ich geredet habe.»
Ich glaube, beide kamen auf etwa 80. Dann entschlossen sie sich zum Rücktritt. Bei Fangio war das nach seinem fünften WM-Titelgewinn 1957 auf dem Nürburgring. Dort zettelte er mit einer genialen Idee noch eine Revolution an: den ersten programmierten Boxenstopp.
«Ich wusste, dass meine Reifen nicht die volle Distanz durchhalten, also kalkulierte ich: Wenn ich schon zum Reifenwechsel an die Box muss, kann ich dabei auch tanken – und starte das Rennen mit einem leichten Auto.» Gesagt, getan. Fangio, damals auf Maserati am Start, büsste seine Führung beim geplanten Boxenstopp an das junge Ferrari-Duo Mike Hawthorn und Peter Collins ein. Und jagte ihnen danach aber wie von Furien gehetzt hinterher, überholte beide in der letzten Runde – und gewann den Grossen Preis von Deutschland. «Aber ich habe mehr riskiert als je zuvor in meinem Leben. Das darf ich nie wieder tun», merkte Fangio nach dem Husarenritt durch die Grüne Hölle nachdenklich an.
Gefängnis statt Cockpit
Juan Manuel Fangio hatte vorher viel riskiert und tat es nachher auch. Beim mörderischen Hitze-GP von Argentinien 1955 war der Lokalmatador der Einzige, der die 375-km-Distanz ohne Fahrerwechsel durchhielt. Hinter Fangio lösten sich, von Sonnenstich und Kreislaufkollaps geplagt, in jedem Wagen bis zu drei Piloten ab. Und viele Jahre später, bei einer Mercedes-Demo in Dubai, blieb Fangio als älterer Herr trotz Gluthitze im Auto sitzen. Er bezahlte seine Aufopferung mit Herzrhythmus-Störungen. Aber darüber hat er nie geklagt.
«Ihr mörderischstes Abenteuer?», fragte ich den Champion einmal. Antwort: «Das war gar kein Autorennen. 1957 entführten mich Fidel Castros Rebellen vor einem Sportwagenrennen in Havanna.» Der Kidnapper von damals hat sich erst kürzlich im TV entschuldigt. «Aber im Gefängnis war man nett zu mir. Ich durfte mir sogar im Fernsehen anschauen, wie Stirling Moss gewann», erinnerte sich Fangio.
Ich durfte Fangio schon als junger Reporter kennenlernen. 1959 in Wien: eine Initiative des italienischen Kulturinstituts, Fangio, auf Technikvisite, testete Semperit-Reifen in Kottingbrunn (wo Jochen Rindt später zum ersten Mal in einen Rennwagen kletterte) und war abends in der Wiener City beim Empfang in der noblen Kärntnerstrasse.
Nach unserem Interview bat ich Fangio, sich für ein Zeitungsfoto in mein erstes Auto zu setzen – ein klappriges, schwarz-gelbes Ford-Eifel-Cabrio, Baujahr 1938, noch mit Trittbrettern und Türgriffen, Winkern statt Blinkern und so weiter. Fangio nickte, stieg ein und fuhr sogar eine Runde durch Wien. Ich war natürlich mächtig stolz.
Als Fangio wieder ausstieg, sagte er lächelnd: «Dir geht’s wie Stirling Moss.» Erstaunte Rückfrage: «Und wieso, Señor Fangio? Schmunzelnde Antwort: «Dem fehlt zum Weltmeister auch immer nur das richtige Auto.» Meines hatte ja auch nur 6000 Schilling gekostet ...
Drei Jahrzehnte später durfte ich die Autos tauschen. Ich fuhr einen ganzen Vormittag lang Fangios berühmten Weltmeisterwagen von 1954/55 auf der Mercedes-Teststrecke in Untertürkheim. Ein unvergessliches Erlebnis, für das ich Professor Jürgen Hubbert – der Mann, der Mercedes in die Formel 1 zurückbrachte – heute noch dankbar bin.
Fangio hatte Humor, viele Einfälle, kam aber vor dem Fernsehzeitalter, in der Schwarz-Weiss-Wochenschau, noch nicht so als Medienstar rüber. «El Chueco» (Der Krummbeinige), wie sie ihn zuhause seit seiner Jugend riefen, war noch kein Popstar wie viele spätere Rennfahrer. Aber die Wochenschau-Reportagen verstärkten nur noch seinen Mythos.
An seinem 80. Geburtstag nahm ich 1991 mit Fangio eine Jubiläumssendung auf. Wir redeten in einem Mix aus Englisch, Italienisch und Spanisch, und nachher bat ich ihn, dem Stil der Zeit entsprechend, noch um einen sogenannten Opener. «Wir heisst deine Sendung?», fragte der grosse Meister. «Sport und Musik», sagte ich, und ohne nachzudenken legte er los: «Sono Fanchio – ich bin Fangio. Ich begrüsse alle Zuhörer von Sport, der für die Erziehung der Jugend sehr wichtig ist, und Musik, die immer aus dem Herzen kommt.»
Ich war baff. Die Worte eines einfachen Maurers – in dieser Form noch nie gehört von einem Fussballer oder Trainer. Und er wusste auf jede meiner Fragen eine originelle Antwort:
• Über eine WM, die er wegen der Reifen verloren hatte: «Denk dran, wie viele Rennen ich wegen der Reifen gewonnen hab.»
• Über die damalige tödliche Stallfeindschaft zwischen Alain Prost und Ayrton Senna bei McLaren: «Das Problem beginnt, wenn von zweien jeder glaubt, er ist der Grösste. Ich hab das von mir nie geglaubt.»
• Über das Geld, das Formel-1-Piloten verdienen: «Wer heute ein paar Rennen gewinnt, hat für sein ganzes Leben finanziell ausgesorgt. Ich war fünfmal Weltmeister – und muss immer noch arbeiten ...»
• Über die Raserei auf Verkehrsstrassen – haben wir zuviele Unfälle durch Schnellfahren? «Vergiss nicht, wie viele Menschenleben schon durch Schnellfahren gerettet wurden: von Rettungsdiensten, Polizei, Feuerwehr und so weiter.»
Überleben grösster Erfolg
Auf der italienischen Autostrada war Fangio einmal schuldlos in einen bösen Crash verwickelt. Im Auto seines Managers Giambertone, der mit einem Lkw kollidierte und sich überschlug. «Sie glauben wohl, Sie sind Fangio?» empörte sich der Lkw-Chauffeur. Giambertone blieb cool: «Fangio liegt dort drüben.» Darauf fiel der Fahrer in Ohnmacht.
Juan Manuel Fangios grösster Sieg war, dass er im Rennsport überlebt hat. Er fuhr in der gefährlichsten Epoche der Formel 1, die Mercedes-Katastrophe von Le Mans 1955 mit 85 Todesopfern inbegriffen.
Die Story, die damals um die Welt ging: Unglücksfahrer und Mercedes-Stallkollege Pierre Levegh habe in den letzten Sekunden den rechten Arm hochgerissen, um den dichtauf folgenden Fangio zu warnen, ihm also das Leben gerettet.
Juan Manuel Fangio hat darüber nie gesprochen, aber der damalige Mercedes-Pressechef Arthur Käser verriet mir viele Jahre später: «Diese Geste von Levegh hat es nie gegeben. Ich habe sie nur erfunden, damit es in all den Berichten voll Blut, Tränen und Verzweiflung wenigstens einen Hauch Menschlichkeit gibt.» Fangio, der sich in Le Mans nach dem Aussteigen bekreuzigte, hat das nie dementiert.
Der Schweizer Formel-1-Star Clay Regazzoni erzählte zu Lebzeiten gern diese Fangio-Story: «Als er den GP von Argentinien mit der Nationalflagge startete, verabredete er mit mir ein heimliches Signal: ‹Pass genau auf. Dann kannst du einen Hauch früher losfahren als alle anderen …›»
Nach seinem Rücktritt pendelte Fangio noch Jahrzehnte im 500-km-Dreieck Buenos Aires – Mardel Plata – Balcarce, um nach seinem Business zu sehen. Beim letzten Argentinien-GP fuhr ich 1998 von Buenos Aires nach Balcarce, durch die Pampa, wo der junge Fangio seine ersten Autorennen bestritten hatte. Mir kamen nur drei Fahrzeuge entgegen: ein alter Pick-up, ein alter Autobus, ein alter Mercedes. Wie Fangios Welt von früher, als ihn Staatschef Perón Ende der 1940er-Jahre nach Europa schickte. Allgegenwärtig ist das auch im Fangio-Museum, in dem liebevoll alles ausgestellt ist, das zu seinem Leben gehörte.
Ein Pflichtbesuch an seinem Grab auf dem Friedhof von Balcarce, im Familien-Mausoleum der Fangios: weisse Tücher, brennende Kerzen, immer frische Blumen. Fangios Bruder Toto war inzwischen auch gestorben, aber seine Schwester Clara begrüsste mich herzlich: «Nur: Warum haben Sie nicht angerufen? Dann hätte ich noch zum Friseur gehen können!» Die alte Dame trifft sich jeden zweiten Sonntag mit Fangios Frau Andrea, die aus Mar del Plata anreist, zum Tee.
Fragen um Frau und Kinder
Fangios Frau? Als der Champion in den Sixties in Wien war, um die Jochen-Rindt-Show zu eröffnen, verriet er mir bei einem Drink über die rassige Argentinierin, die ihm nach jedem Sieg an den Hals flog: «Andrea und ich waren nie verheiratet.» Hatte er Kinder? «Mein Bruder hat nie davon gesprochen», sagt Schwester Clara, «wir wissen es auch nicht.» Aber wieso tauchen dann in diversen Startlisten, vor allem in Amerika, immer wieder ein Fangio II, Fangio III oder Fangio IV auf?
Bei einem Vaterschaftsprozess in Buenos Aires insistierte die Richterin: «Señor Fangio, Sie können doch nicht abstreiten, dass das Ihr Sohn ist. Er ist Ihnen wie aus dem Gesicht geschnitten! »Worauf Fangio zurückgab: «Frau Rat, es gibt auch über eine Milliarde Chinesen, die sich alle ähnlich sehen – und trotzdem nicht miteinander verwandt sind.»
Zur Person
Geburtstag: 24. Juni 1911
Geburtsort: Balcarce (ARG)
Herkunftsland: Argentinien
Todestag: 17. Juli 1995
Todesort: Buenos Aires (ARG)
Spitzname: «El Chueco» (Der Krummbeinige)
Erlernter Beruf: Schlosser
Hobbys: Automobilmechanik
Rennkarriere (Formel 1)
1949: Sieger Grand Prix von San Remo auf Maserati
1950: Vizeweltmeister auf Alfa Romeo (27 WM-Punkte)
1951: Weltmeister auf Alfa Romeo (37 WM-Punkte)
1953: Vizeweltmeister auf Maserati (29,5 WM-Punkte)
1954: Weltmeister auf Maserati/Mercedes-Benz (57,1 WM-Punkte)
1955: Weltmeister auf Mercedes-Benz (41 WM-Punkte)
1956: Weltmeister auf Lancia-Ferrari (33 WM-Punkte)
1957: Weltmeister auf Maserati (46 WM-Punkte)
1950-1958: Insgesamt 24 Rennsiege, 29 Pole-Positions und 23 schnellste Rennrunden in 51 Grand-Prix-Starts
Rennkarriere (Sonstiges)
Vorkriegszeit: Rallyes in Südamerika, Sportwagenrennen in Europa
1950-1955: Insgesamt 4 Starts bei den 24 Stunden von Le Mans (Gordini, Talbot, Alfa Romeo und Mercedes-Benz)
1953: Sieger Carrera Panamericana auf Lancia
Internet: www.jmfangio.org (spanische Fanseite)
Autor: Heinz Prüller


















