Von MSa-Reporter Michael Bräutigam
Marcel Steiner hat sich vorzeitig den zweiten Titel in der Schweizer Bergmeisterschaft gesichert. MSa war in der «hall of the mountain king», der Basis des erfolgreichen Piloten im Berner Oberland.
Oberdiessbach, 16.58 Uhr. Ich fahre auf den Parkplatz einer Honda-Vertretung. «Garage Heinz Steiner» steht dort auf dem Firmenschild. Schon bei diesem Anblick kommt Ehrfurcht in mir auf. Denn ebendieser Heinz Steiner steht selbst für ein grosses Kapitel in der Geschichte des Schweizer Bergrennsports. Um 17 Uhr bin ich mit Marcel Steiner verabredet. DEM Marcel Steiner? Ich kann es immer noch nicht so recht glauben. Eine Audienz beim neuen Bergkönig.
Im typischen Arbeitsdress empfängt mich der Honda-Mechaniker: grau-rote Latzhose und dunkelblaues T-Shirt. Das Namensschild belegt: Es ist wirklich Marcel Steiner. Dann bittet er mich in die Werkstatthalle. «Ich gehe mir schnell die Hände waschen», entschuldigt er sich. Mein Blick schweift − und da: In der hinteren rechten Ecke steht, zugedeckt mit einer schwarzen Plane, sein Osella FA30 Zytek. Nur wenige Tage zuvor und einen Steinwurf entfernt fuhr Steiner damit den SM-Titel ein.
«Möchtest du etwas trinken?» Marcel reisst mich aus der Träumerei heraus, wie es wohl wäre, einmal selbst mit so einem Geschoss die Berge zu erstürmen. 475 PS auf 575 kg, über 250 km/h. Preis: rund 200 000 Euro. Ohne Motor. Der schlägt noch einmal mit 30 000 Euro zu Buche. Wie ich später erfahre, gehört das Auto einem Sponsor. Von denen hat (und braucht) Marcel viele. Ich entscheide mich für Mineralwasser, und es geht in den Verkaufsraum.
Vergleich mit Marcel Fässler
Dort steht nicht nur der Martini MK77, mit dem Steiner über ein Jahrzehnt lang seine ersten Sporen im Sportwagen verdiente, sondern auch eine riesige Trophäensammlung. Ich kann nicht einmal abschätzen, wie viele Pokale es sind. 200? Es könnten auch 1000 sein, ich weiss es nicht. Jeder einzelne belegt den grossen Erfolg, mit dem der Name Steiner verbunden ist.
Mittlerweile hat sich noch Charly Eyer bei uns eingefunden. Der Präsident der Equipe Bernoise, der grössten Schweizer Motorsportlervereinigung, sagt stolz: «Was Marcel Fässler erreicht hat, hätte auch Marcel Steiner erreichen können.» Auch Fässler gehört, wie Rahel Frey oder Neel Jani, zur Equipe Bernoise. «Marcel ist sehr ruhig und bedacht. Ein konstanter Arbeiter. Und: Er kann alles in die Bahnen lenken, wie er es für seinen Erfolg benötigt. Das verbindet ihn mit vielen grossen Rennfahrern», so Eyer weiter.
Aber davon möchte Marcel nichts wissen. Er ist auf dem Boden geblieben, ein König des Volkes. Beim Fototermin läuft sein Gesicht sogar kurz rot an. Das macht ihn sympathisch − und echt. Eine Profi-Karriere stand für den 36-Jährigen eigentlich nie zur Debatte. Professioneller Auftritt: ja, unbedingt − aber beruflich wählte er eben den sicheren Weg.
Warum Bergrennen?
Seit 1991 betreibt Marcel Steiner schon Motorsport, angefangen vom Kart über Formel Ford und Sportwagenrennen wie der Sports Car Challenge. 2004 begann dann der Aufstieg des Bergkönigs. Seit 2010, nach unter anderem einem Meistertitel in der Deutschen Bergmeisterschaft, ist er fester Bestandteil der Berg-SM.
«Die Kosten sind bei Bergrennen niedriger», so Steiner. «Und bei der Sports Car Challenge sind kaum Zuschauer an der Strecke, Bergrennen sind viel besser besucht. Manchmal schreibe ich 200 Autogramme an einem Wochenende.» Das macht es auch für die Sponsoren interessanter, die seinen noch immer kostspieligen Sport mittlerweile voll gegenfinanzieren. «Es macht viel Spass», bilanziert Steiner. Die Fans können sich also darauf freuen, den Bergkönig auch weiter die Berge hinaufjagen zu sehen.
Autor: Michael Bräutigam







