Report: GP Deutschland: Der GP Deutschland 1970 in Hockenheim

«Wir sind wirklich kein Verein, der ständig streiken will. Aber wir müssen eine Überlebenschance haben, wenn einer von uns hier rausfliegt. Es ist uns sehr ernst mit der Ankündigung, auf der Nordschleife nicht zu starten.» Das ist eine Passage aus dem Statement der Grand Prix Driver Association (GPDA) im Hinblick auf die Durchführung des GP Deutschland am Nürburgring.

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Hockenheim 1970

Proppenvolles Motodrom am Hockenheimring: Einen regelrechten Zuschaueransturm gab es beim ersten GP von Deutschland in Hockenheim 1970.

Proppenvolles Motodrom am Hockenheimring: Einen regelrechten Zuschaueransturm gab es beim ersten GP von Deutschland in Hockenheim 1970.

Der vorgelegte Mängelkatalog umfasst 18 Punkte, darunter als Kernstück etwa zehn Kilometer Leitschienen, «vor allem da, wo Bäume stehen». Zur Realisierung bleiben der Nürburgring GmbH knapp drei Monate, aber bald wird klar, dass die Zeit für die Umsetzung aller Sicherheitsforderungen nicht reicht. GPDA-Präsident Joakim Bonnier bleibt hart, und auch seine Abgesandten Jochen Rindt und Graham Hill akzeptieren bei der finalen Streckenbegehung keine Kompromisse. Am 8. Juli 1970, drei Wochen vor dem Renntermin, ist der Boykott des WM-Laufs am Nürburgring beschlossene Sache. Die GPDA-Entscheidung fällt drei Tage zuvor beim Frank-reich-GP in Clermont-Ferrand, laut Rindt «ohne Gegenstimme».

AvD-Sportsekretär Herbert-Wilhelm Schmitz
Das wiederum bezweifelt AvD-Sportsekretär Herbert-Wilhelm Schmitz («Alles Lüge, ich weiss, dass Ickx, Rodriguez und Siffert gerne starten wollen»). Die GPDA bezeichnet der mächtige AvD-Mann und FISA-Delegierte sogar als «Ganovenverein, der seine Mitglieder unter Druck setzt». Der AvD-Planungsstab mit Sportpräsident Huschke von Hanstein erkennt schnell, dass nur die Wahl zwischen Absage oder Ortswechsel bleibt. Eine Terminverschiebung nach hinten ist nicht verhandelbar, obendrein droht die Nürburgring GmbH mit Regressforderungen, falls es am ersten August-Wochenende in der Eifel kein Rennen gibt.

Rückforderungen aus dem Ticketvorverkauf
Ganz abgesehen davon, dass es zwangsläufig Rückforderungen aus dem
Ticketvorverkauf gibt. Nach Abwägung aller Optionen trifft das AvD-Gremium aus der Not heraus die Entscheidung, den GP von Deutschland ins Motodrom nach Hockenheim zu verlegen und den Nürburgring am selben Wochenende mit einem AvD-Preis von Deutschland für Formel-2-Rennwagen zu entschädigen. Damit hat der AvD erstmals in seiner Geschichte eine Doppelorganisation für zwei Grossveranstaltungen am selben Wochenende. Chaos am Rennsonntag Hockenheimring-Chef Erwin Fuchs ist über den Glücksfall und den zu erwartenden Geld-segen hocherfreut und für die kurzfristige Übernahme des deutschen GP sofort bereit. Die Ereignisse am Renntag nehmen dann chaotische Züge an. Offenbar haben die Tageskassen weit mehr Tickets verkauft als Tribünenplätze im Motodrom vorhanden sind.

Rund 135 000 zahlende Zuschauer in Hockenheim
So werden allein für den Sonntag rund 135 000 zahlende Zuschauer offiziell abgerechnet, was selbst Fuchs zuerst nicht glauben mag. «Die Steintribünen sind für maximal 80 000 Menschen ausgelegt, dazu können wir noch etwa 30 000 auf Stehplätzen entlang der beiden Geraden und in der Ostkurve unterbringen. Damit ist das Motodrom aber rappelvoll», so Fuchs. Kurz bevor Jochen Rindt und Jacky Ickx ihren Zweikampf über 50 Runden beginnen, sind sogar die Dächer der Betontribünen von einigen Tausend Zuschauern belagert. Wegen Einsturzgefahr veranlasst der Polizei-Einsatzleiter die Räumung. WM-Leader Jochen Rindt wird nach seinem hauchdünnen Sieg über Jacky Ickx vom Publikum wie ein Popstar gefeiert. Der anschliessende totale Verkehrskollaps löst sich erst gegen Mitternacht auf, Polizei und Ordnungsdienste kapitulieren irgendwann vor dem nicht mehr zu entwirrenden Chaos. Sechs Stunden ab Fahrerlager bis zur fünf Kilometer entfernten Autobahnauffahrt gelten an diesem heissen Sommerabend noch als ein guter Wert. Während in Hockenheim Ausnahmezustand herrscht, erlebt der Nürburgring trotz F2-Ersatz-GP ein ruhiges Wochenende. Der Schweizer Xavier Perrot gewinnt vor Eifelland-Pilotin Hannelore Werner. Nachdem die Nürburgring GmbH mit Millionenaufwand die restlichen Sicherheitswünsche der GPDA zügig umgesetzt hat, kehrt die Formel 1 schon 1971 wieder auf die Nordschleife zurück. Mit dem GP Deutschland 1976 und Niki Laudas Feuerunfall ist dann endgültig Schluss, und der deutsche GP verabschiedet sich ins Motodrom.  

Autor: Rainer Braun
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