Vier Worte für die Ewigkeit, für jeden US-Racer das Credo am Rennsonntag, einst erfunden von Indianapolis-Speedway- Besitzer Tony Hulman: «Gentlemen, start your engines! » Doch, so sagen Spötter, die vier berühmtesten Indy-Worte lauteten ganz anders: «Andretti is slowing down...»
Mario Andretti (70) will von einem Fluch nichts wissen. «Das», sagt er, «ist doch völliger Quatsch», und wischt mit schnippischer Handbewegung und ernstem Blick im sonst so milden Antlitz das Thema vom Tisch. «Das kaufe ich keinem ab. Ganz ehrlich – wenn ich sehe, wie viele Meilen ich auf dem Brickyard zurückgelegt habe, schaue ich mit einem gutenGefühl zurück.» Von 1965 bis 1994 ist der Chef der Andretti-Renndynastie beim legendären Indy 500 gestartet. Wurde gleich bei seinem Debüt Dritter, ging bei seinem zweiten Indy 500 von der Pole-Position ins Rennen, aber letztlich hat es nur zu einem Besuch in der Victory Lane gereicht. Das war 1969. Schon damals ein überfälliger Triumph angesichts des überragenden Talents von Super-Mario.
Sohn die Karriere gekostet
Mario Andretti musst ein Indianapolis dumme Ausfälle, unerklärliche Defekte, dämliche Unfälle und schwere Schicksalsschläge hinnehmen. 1992 erlitt er beim Crash vier gebrochene Zehen. Aber das war nichts gegen das, was mit seinem zweiten Sohn passiert war: Jeff Andretti verlor fast beide Füsse, als er mit gebrochener Hinterradaufhängung frontal in die Wand einschlug – Karriereende. Dass Marios ältester Sohn Michael damals nur acht Runden vor Schluss in sicherer Führung mit einem gebrochenen Ventil ausschied, passt ins Indianapolis- Bild der Andrettis, das immer im Vergleich zu den grossen Erfolgen der Unsers betrachtet wurde. Und die Renndynastie aus New Mexico durfte im Gegensatz zu den Andrettis in Indianapolis auf das Glück hoffen wie sonst nur Gustav Gans in Entenhausen: Insgesamt neun Siege für Bobby, Al senior und Little Al. Seinen letzten Auftritt im 2,5-Meilen-Oval hatte Mario Andretti bei Testfahrten im Mai 2003. Zwischen den beiden ersten Kurven überfuhr er ein Teil eines anderen Autos. Der daraus resultierende Looping kostete den damals 63-Jährigen fast das Leben. Immer noch keine Rede von einem Indy-Fluch? «Auch bei diesem Crash hatte ich unglaubliches Glück. Und das allein zeigt mir, dass ich in Indianapolis gesegnet war und nicht etwa verhext oder verflucht», sagt Andretti. In einigen Bereichen habe man Glück, in anderen eben Pech, sagt Andretti, der sich auch fragt, wieso er so oft mit Motorschäden ausscheiden musste:«Heute werden die Motoren doch nur zu 85 Prozent ihrer Möglichkeiten gefordert. Sehen Siesich nur einen Michael Schumacher an: Der ist mal 76 Rennen hintereinander in der Formel 1 ins Ziel gekommen. Wissen Sie, wie schön das für einen Rennfahrer ist?» Mario Andretti hat in Indy mehr Runden geführt als die Vierfachsieger A.J. Foyt und Rick Mears.«Auf Al Unser fehlen mir nur zwei Runden, der die Liste der Alltime-Leaders anführt. Sogar Michael hat mehr Runden geführt als Rick Mears.» Aber gewonnen hat Michael Andretti nie. Sohn Michael, mit dem Vater Mario zum Teil erhebliche Generationenkonflikte auf der Rennpiste ausfocht, startete nur 16-mal in Indy; zuletzt 2007, damals schon längst mit dem eigenen Team. Einmal Zweiter, zweimal Dritter, das waren seine besten Resultate, zuletzt 2006 direkt hinter seinem debütierenden Sohn Marco. Da hätte der jüngste Andretti-Sprössling um Haaresbreite gewonnen, wäre er nicht auf dem Zielstrich von Penske-Pilot Sam Hornish geschnappt worden. In den Jahren danach hatte Marco Andretti zwei spektakuläre Unfälle in Indianapolis. 2008 gelang Marios Enkel immerhin ein dritter Platz.
Heute Ratgeber des Enkels
Beim Indy 500 ist der grosse, alte Andretti auch diesmal wieder aufmerksamer Beobachter beim Team seines Sohnes Michael. Andretti Autosport wird vier Fahrer und eine Amazone ins Rennen schicken: Danica Patrick schaffte beim Qualifying Startplatz 23. IhreTeamkollegen Tony Kanaan und Ryan Hunter-Reay wurden 32. und 17. Marios Neffe John belegte Platz 28. Und Marco Andretti, mit 23 Jahren der Jüngste im Andretti-Bunde? Der war als 16. noch der Beste aus dem Family-Team. «Wenn wir weniger rutschen, sollte es im Rennen viel besser laufen», sagte er. Und diskutierte danach intensiv weiter mit Opa Mario die Frage: Wie finde ich für das Rennen den optimalen Indy-Grip?
Den fand der Junior beim diesjährigen Klassiker, den er auf Platz 3 beendete. Für das komplette Team Andretti Autosport war Indy 2010 noch ein relativ erfolgreiches Unterfangen: Drei der fünf Fahrer kamen unter die Top 12 – neben Andretti junior auf Rang 3 fuhren Danica Patrick auf Platz 6 und Tony Kanaan auf Position 11.
Autor: Gregor Messer



















